Manfred Chobot: Warum wird aus Sackerl immer ein Saukerl?

8. Februar 2014, 15:00
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Von uns Österreichisch Schreibenden wird erwartet, dass wir uns zum Stuhl und Schrank, zu Treppen und zum Abitur bekennen. Das Sackerl lasse ich mir aber von niemandem nehmen

Ich bin österreichischer Schriftsteller. Als solcher schreibe und spreche ich Österreichisch oder österreichisches Deutsch, was keinesfalls ein deutscher Dialekt ist, vielmehr gehört der in Österreich (mit Ausnahme von Vorarlberg) gesprochene Dialekt zu den bairischen Mundarten. Als Nachkomme tschechischer Vorfahren eines Vielvölkerstaats liegt meine literarische Heimat im österreichischen Deutsch. Das vielzitierte Bonmot, sei es von Karl Kraus oder Karl Farkas, dass sich Österreich von Deutschland durch die gleiche Sprache unterscheidet, besitzt nach wie vor Gültigkeit. Hätte sich Kronprinz Rudolf mit seinen Vorstellungen einer Annäherung Österreichs an Russland und den Balkan durchgesetzt, sähe die europäische Landkarte anders aus. Jedoch der politische Stümper und dekadente Sturschädel Franz Joseph hat uns allen den Ersten Weltkrieg eingebrockt, und die Suppe vom "Anschluss" ist noch immer nicht ausgelöffelt. Rudolfs Selbstmord war nichts anderes als die Kapitulation vor politischen Zwängen.

Niemand käme auf die Idee, einen Schweizer Schriftsteller als deutschen Schriftsteller zu bezeichnen. Dagegen werden österreichische Autoren und Autorinnen von deutschen Verlagen immer wieder "eingemeindet". "Wir sind vom deutschen Markt abhängig", hört man österreichische Kolleginnen und Kollegen argumentieren. Betrifft dies auch die Deutsch schreibende Schweizer Kollegenschaft? Konsequent verweigern die Schweizer den Euro ebenso wie das scharfe ß, weil es neben der französischen Cedille, dem Accent circonflexe, dem aigu und dem grave keinen Platz mehr auf der Tastatur einer Schweizer Schreibmaschine hatte.

Der deutsche Norden maßt sich an, das Maß der deutschen Sprache zu sein, die Regeln festzulegen, indem behauptet wird, österreichisches Deutsch sei eine sprachliche Besonderheit, eine Varietät der hochdeutschen Schriftsprache: Der Norden ist die Norm, der Süden die Abweichung, und der Duden ist die Bibel der deutschen Sprache, spricht man in Mannheim gebetsmühlenartig.

Ich möchte mal einen britischen Anglisten erleben, der die Kühnheit hat, im Brustton der Überzeugung zu behaupten, amerikanisches Englisch sei eine Abart des britischen Englisch: Richtig sei harbour, während harbor eine lokale Abweichung darstellt. Amerikaner, lernt richtiges Englisch und schreibt through anstatt völlig falsch thru! Es heißt night, nicht nite, Leute! In diesem Fall bestimmt nicht der Osten und lehrt den Westen den richtigen Umgang mit der Sprache. Merkwürdigerweise liest man bei Übersetzungen: "Aus dem Amerikanischen". Und die einen verstehen die anderen. Wer über wirtschaftliche und politische Macht verfügt, bestimmt die Rede- und Schreibregeln. Von uns Österreichisch Sprechenden und Schreibenden wird erwartet, dass wir uns zum Stuhl und Schrank, zu Treppen und zum Abitur bekennen, dass wir hochgehen und etwas dabeihaben. Das Sackerl lasse ich mir von niemandem nehmen, auch nicht vom Rechtschreibprogramm daraus einen Saukerl machen.

Indem das restliche Sprachgebiet von Austriazismen spricht, die als typisch österreichisch wahrgenommen werden, können wir Österreicher mit Recht behaupten, dass Hackfleisch, Mehlschwitze, Pfannkuchen, Tüte, Schornsteinfeger, Klempner und Schreiner Germanismen oder Preußizismen sind - Abartigkeiten der deutschen Sprache, Unarten der Piefke. Soll doch das restliche Sprachgebiet von uns ein ordentliches Deutsch lernen! "Chuzpe" hat der Norden bereits von uns gelernt, zumindest wird verstanden, was gemeint ist. Ob sie jemals für den "Schmäh" reif sein werden, muss bezweifelt werden. "Im Protokoll Nr. 10 wurden beim EU-Beitritt Österreichs 23 Begriffe wie Eierschwammerl, Erdäpfel, Faschiertes, Grammeln, Karfiol, Marillen, Obers, Paradeiser, Ribisel, Powidl und Topfen aufgelistet, die parallel zu den deutschen Bezeichnungen zu verwenden sind. Alle stammen aus dem kulinarischen Bereich." Tatsächlich existieren hunderte, wenn nicht gar tausende "Austriazismen".

Sprache ist etwas Lebendiges und verändert sich, aber wie sieht es mit Amerikanismen aus? Damit meine ich nicht Wörter wie Job oder Kids oder Handy, das in der englischsprachigen Welt nicht verstanden wird. Schon eher mache ich mir Gedanken über das Downloaden. "Bei einem guten Input werde ich das File bald downgeloadet haben." Als auf einer Einladung stand, dass nach der Veranstaltung zum Talk geladen wird, bin ich daheim geblieben und habe Selbstgespräche geführt. Auch das Get-together habe ich mir erspart. Mir ist ein gemütliches Beisammensein lieber. Eine junge Schriftstellerkollegin hatte mir gedankt, nachdem ich ihr eine Mail weitergeleitet hatte: "Merci fürs Forwarden." Während ein Jungspund mir erklärte: "Ich werde dich zu meiner Mailbox adden."

Alle mal up to date

Inzwischen muss ich mir von Politikern anhören, und das zur Primetime in den Abendnews: "Er hat einen guten Job gemacht", obwohl dies nicht der Fall war. Früher haben Leute eine gute Arbeit geleistet. Heute leisten sie sich eher eine Chuzpe. "Was war meine Leistung?" Vermutlich wird in der 50. Auflage des Österreichischen Wörterbuchs und in der 34. Auflage des Dudens beim Wort Arbeit in Klammern "veraltet" zu lesen sein. Nicht nur die österreichischen Autoren werden verdudet, vielmehr werden wir auf Neusprech getrimmt, dass die Political Correctness nur so trieft. Durch Konsum der neuesten News bin ich allemal up to date und lerne unentwegt neue Wörter, ich weiß, was Minderwüchsige sind und was unter einer Verpartnerung zu verstehen ist. Auf dem Catwalk ist unsereins eher selten anzutreffen. Ob das politisch korrekt ist? Sind Models Katzen, die in einer modischen Panier walken? Anno dazumal sind sie über den Laufsteg geschritten. Auf meinen Reisen freue ich mich über Zugbegleiter und Flugbegleiter, Schaffner und Stewardessen sind in den Ruhestand getreten. In der Bankfiliale lasse ich mir vom Kundenberater zeigen, dass Verlage ungern Honorare überweisen, freue mich immer wieder über Mail, die mir der Zusteller in die Box wirft. Briefträger sind offenbar ausgestorben.

Als österreichischer Schriftsteller verwende ich das Österreichische Wörterbuch. Trotz Brille benötige ich für den Duden eine Lupe, dennoch finde ich weder terisch noch terrisch, auch nicht das schöne Wort Fut. Von ihrem österreichischen (!) Verlag wurde die Kollegin Elisabeth Reichart "überredet" oder "überzeugt", ihren Roman "Fotze" zu betiteln. (Ein lesenswertes Buch!)

Auch auf meinem Computer stelle ich Deutsch (Österreich) ein und adde immer wieder Wörter, die das fehlerhafte Rechtschreibprogramm nicht kennt - und es kennt vieles nicht. Mit "lecker" habe ich Frieden geschlossen. Schon oft wurde mir meine Vorliebe für das Perfekt von Lektoren korrigiert - ich musste diskutieren und argumentieren, warum ich nicht das Präteritum gewählt habe. Dabei ist es ganz simpel zu erklären: weil es nicht passt.

Hallo und Hi bringen mich an den Rand eines Herzkasperls - und ich denke an meinen DDR-Berliner Schriftstellerkollegen Richard, der mich gelehrt hatte, dass ein Holzpyjama im "Bauern- und Arbeiterstaat" dereinst ein "Erdmöbel" war, und man hörte nicht die Engel singen, sondern "geflügelte Jahresendzeitwesen".

Unlängst habe ich in einem Roman einer deutschen Autorin gelesen, die deutsche Freundin besucht ihren Wiener Schatz in dessen Wohnung: "Schau dich um, ich schlag die Sahne." Hat er niemals gesagt, dafür strecke ich beide Pfoten ins Feuer!

Trotz Sprachreform sekkiert uns der Duden mit dem Accent grave: vis-à-vis. Bei mir vis-a-vis! Darüber habe ich schon mit etlichen Lektoren gestritten. Spagetti kommen bei mir nicht ins Manuskript. Das wären dann nämlich "Spadschetti". Das schreibe ich erst dann, wenn mir ein Lektor gestattet, die amerikanische Metropole "Big Apple" Nju Jork zu nennen. Die Gämse ist mir wurscht. Begreifen kann ich jedoch nicht, warum man mir inwändig korrigiert. Das Wort OEuvre oder Oeuvre kommt in meinen Texten exorbitant selten vor. Sollte eigentlich Öwer lauten.

Wenn der Text der österreichischen Bundeshymne geändert werden konnte, besteht kein Grund, nicht auch die Verfassung zu ändern und anstatt "Die Staatssprache ist deutsch" zu schreiben, den Gegebenheiten Rechnung zu tragen: "Die Staatssprache ist österreichisches Deutsch." Oder: "Die Staatssprache ist Österreichisch in einem europäischen Kontext." Nach der Frauenemanzipation wäre es Zeit für eine Österreichisch-Emanzipation. Pfiat di Gott, Lackerl. (Manfred Chobot, Album,  DER STANDARD, 8./9.2.2014)

Manfred Chobot, geb. 1947 in Wien, ist freier Schriftsteller. Er schreibt u.a. Hörspiele und Features, Prosa und Gedichte. Zuletzt erschienen: "Lebenslänglich Wichtelgasse - Wiener Erkundungen" (Löcker-Verlag, 2012), "Wiener Brunnenmarkt oder Wie man in der eigenen Stadt verreist" (Metro-Verlag, 2012).

  • Quark oder Topfen? Das vielzitierte Bonmot, sei es von Karl Kraus oder Karl Farkas, dass sich Österreich von Deutschland durch die gleiche Sprache unterscheidet, besitzt nach wie vor Gültigkeit.
    foto: apa / olivier hoslet

    Quark oder Topfen? Das vielzitierte Bonmot, sei es von Karl Kraus oder Karl Farkas, dass sich Österreich von Deutschland durch die gleiche Sprache unterscheidet, besitzt nach wie vor Gültigkeit.

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