"Politik über den Charakter verstehen zu wollen ist naiv"

Interview6. Februar 2014, 19:17
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Der Historiker und Himmler-Biograf Peter Longerich zählt zu den renommiertesten Holocaust-Forschern im deutschsprachigen Raum. Lisa Mayr hat ihn gefragt, wie er die nun aufgetauchten Briefe Heinrich Himmlers bewertet

STANDARD: Sie haben 2008 eine Himmler-Biografie von fast 1000 Seiten vorgelegt. Müssen Sie die jetzt neu schreiben?

Longerich: Nein. Ich habe in den Briefen nichts gesehen, was wirklich neu wäre in Bezug auf die Person Himmlers und sein Privatleben. Man kannte ja das Tagebuch und die Briefe von Margarete an Heinrich Himmler. Man weiß, wie die beiden miteinander gesprochen haben, was ihre Themen waren. Die Grundmuster dieser Kommunikation hat man relativ schnell heraus.

STANDARD: Der derzeitige Medienrummel erweckt den Eindruck, als hätte noch nie jemand über den Briefwechsel geschrieben. Wird da alter Wein in neuen Schläuchen verkauft?

Longerich: Mich hat diese Ankündigung, nun etwas sensationell Neues entdeckt zu haben, schon etwas erstaunt. Das muss man natürlich wiederum differenziert sehen, was jeweils die Umsetzung in Zeitung, Buchedition und Film anbelangt.

STANDARD: Wie hätte man mit den Dokumenten umgehen sollen?

Longerich: Man hätte sie einordnen müssen, indem man fragt: Was haben wir gefunden, was ist der Forschungsstand - und was trägt das Neue dazu bei. Würde man so vorgehen, würde man die Sache aber von vornherein entwerten.

STANDARD: Wie wertvoll sind Originaldokumente für die Forschung?

Longerich: Sehr wertvoll. Im Falle Himmlers sind sie aber nur im Kontext interessant. An sich sind seine Aussagen über Banalitäten oder die Neckereien zwischen den Himmlers relativ bedeutungslos. Wir wollen ja verstehen, wie die Figur Himmler funktioniert hat. Da wäre die Einbettung wichtig.

STANDARD: Himmler erwähnt in den Briefen an seine Frau nie die Vernichtungslager. Die Interpretation der "Welt" ist, dass der Holocaust den beiden in einer antisemitischen Symbiose so selbstverständlich war, dass er nicht thematisiert werden musste.

Longerich: Dass es ein stilles Einverständnis zwischen den beiden über die Existenz von Vernichtungslagern gab, wäre ein völliges Missverständnis der Art und Weise, wie Himmler mit diesem Thema umging. Himmler war Pedant. Die Schriftstücke, die ihm im Zusammenhang mit dem Holocaust vorlagen, trugen die Bezeichnung "Geheime Reichssache". Den Holocaust hat er als nicht geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt in der Geschichte der SS bezeichnet. Das war erst recht kein Thema für die Familie. Im Gegenteil, er verfuhr nach dem Grundsatz, seine offizielle Existenz und seine Untaten scharf gegen sein Privatleben abzugrenzen. Funktionieren konnte er auch deswegen, weil er sich beständig einredete, es gebe auch für ihn so etwas wie familiäre Normalität. Tatsächlich war seine Beziehung zu seiner Frau, die er seit 1938 betrog, genauso verlogen wie sein Anspruch, alles "anständig" zu erledigen.

STANDARD: Woher kommt die Lust, den Nazi-Schergen durchs Schlüsselloch zu schauen?

Longerich: Viele glauben, dass sich die Motive einer Person erschließen, wenn man sich ihr über die private Perspektive nähert. Politik über den Charakter verstehen zu wollen ist natürlich recht naiv. Es funktioniert nicht. Eine Person wie Himmler hat eine Funktion in einem System, die festgelegt ist. Das Zusammenwirken zwischen System und Person zu verstehen ist die eigentliche Schwierigkeit. Das Ganze kommt mir fast so vor, als ob man sich Himmler in einer Art von Homestory annähern wollte. (Lisa Mayr, DER STANDARD, 6.2.2014)

Peter Longerich, geboren 1955 in Krefeld, ist Professor für Moderne Deutsche Geschichte und Direktor des Research Centre for the Holocaust and Twentieth-Century History am Royal Holloway College der Universität London.

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  • "Das Ganze kommt mir fast so vor, als ob man sich Himmler in einer Art von Homestory annähern wollte", so Longerich.
    foto: leonie lallemand

    "Das Ganze kommt mir fast so vor, als ob man sich Himmler in einer Art von Homestory annähern wollte", so Longerich.

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