Himmlers Briefe: Schlüsselloch-Geschichte

Kommentar6. Februar 2014, 18:45
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Das groß aufgezogene PR-Karussell rund um Briefe, Film und Buch macht stutzig: Man wird den Verdacht nicht los, dass hier mit Geschichte Geschäft gemacht wird

Dass Die Welt den Wettlauf um die Himmler-Briefe gewonnen hat - das wäre eigentlich die Nachricht der letzten Tage gewesen. Denn was die Dokumente selbst hergeben, ist eher mau. Himmler präsentiert sich darin als liebender Familienvater, umsorgend und charmant. Kein Wort über die Judenvernichtung, kein Wort über Politik. Das jetzt groß aufgezogene PR-Karussell rund um Briefe, Film und Buch macht stutzig: Man wird den Verdacht nicht los, dass hier mit Geschichte Geschäft gemacht wird.

Eine Annäherung an den Nationalsozialismus über das Private funktioniert - man erreicht damit mehr Menschen als mit öden Zeitgeschichte-Vorlesungen. Der Boulevardjournalismus weiß das. Die jetzt aufgetauchten Glasmurmeln der Anne Frank wurden von den Massenmedien hinauf und hinunter gespielt. Solche Geschichten sind leichter zu ertragen als der Inhalt ihrer Tagebücher. Und der ist leichter zu ertragen als die Frage nach der Welt, in der Anne Frank ermordet wurde. Menschen lassen sich eben lieber unterhalten, als über die Verbrechen der Nazis nachdenken zu müssen. Über das System, in dem diese möglich waren; die Geisteshaltung; und die Kontinuitäten bis heute.

Wer Geschichte darstellt, damit Menschen Lehren daraus ziehen können, sollte sich fragen, welche Lehren die Darstellung zulässt. Dass Himmler ein Mensch war, der gegessen, geatmet und mit seiner Frau korrespondiert hat, beschreibt nicht das Besondere, sondern das Banale. (Lisa Mayr, DER STANDARD, 7.2.2014)

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