Schatten der Vergangenheit kommen ans Tageslicht

7. Februar 2014, 05:30
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Bei der Suche rund um das NS-Rüstungsprojekt in St. Georgen kann das Grabungsteam offensichtlich einen ersten Erfolg verbuchen: Gefunden habe man einen zubetonierten Stolleneingang. Historiker prüfen jetzt die Faktenlage

Linz - Andreas Sulzer sitzt in dem kleinen Café am Stadtplatz von St. Georgen an der Gusen. Zwischen Zigaretten und Espresso studiert der Linzer Filmemacher einen mitgebrachten Berg an Akten. Luftaufnahmen, Fotos, Einvernahmeprotokolle, Notizen - in mühsamer Kleinarbeit aus deutschen, russischen und amerikanischen Archiven zusammengetragen. Mit einem Ziel: das Geheimnis um das einst größte NS-Bauwerk Österreichs zu lüften.

Unter dem Decknamen "Bergkristall" mussten Häftlinge der beiden angrenzenden KZ-Lager Gusen I und Gusen II in nur 13 Monaten Bauzeit ein unterirdisches Flugzeugwerk für die Großserienproduktion von Messerschmitt-Me-262-Düsenjagdflugzeugen errichten. Bis zu 60.000 Menschen wurden gezwungen, hier händisch zu graben, mindestens die Hälfte kam ums Leben.

Stollen mit Beton verfüllt

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Stolleneingänge zu einem Teil gesprengt. 2002 sah die heute für die Stollen zuständige Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) Gefahr im Verzug und verfüllte einen Teil der Stollen mit Beton.

Sulzer will aber im Zuge seiner Recherchen nun schlüssige Beweise für die Existenz von geheimen Nazi-Stollen gefunden haben. Doch mehrere, von der BIG finanzierte, Bohrungen - zuletzt am Dienstag in eine Tiefe von 120 Metern - verliefen ergebnislos. Und sie werden laut BIG auch nicht mehr fortgeführt. Dennoch haben sich durch die akribische Arbeit von Sulzer die Hinweise verdichtet, dass "Bergkristall" deutlich größer war als bisher bekannt.

Außerhalb des bekannten Areals ist Sulzer mit seinem Team in Eigenregie nämlich bei Grabungen auf einen riesigen achteckigen Betondeckel gestoßen. Selbiger ist auf Luftaufnahmen der Alliierten zu erkennen. "Es war dort eine Hochsicherheitszone", schildert Sulzer im Standard-Gespräch. Zu erkennen ist das Areal exakt bis zum 7. Mai 1945. Eine britische Luftaufnahme vom 8. Mai zeigt nur mehr eine Ackerfläche.

Mögliche Abschussrampe

Sulzer hat nach dem Fund eine geoelektrische Sondierung des Geländes in Auftrag gegeben. Damit untermauert er seine These. Das dem Standard vorliegende Ergebnis der Bodenanalyse zeigt einen - im 45-Grad-Winkel - abfallenden Schacht, der offensichtlich in einen Hohlraum unter dem bekannten Stollen mündet. "Es könnte sich um eine Abschussrampe für Raketen handeln."

Was sich tatsächlich dahinter verbirgt, bleibt aber bis auf weiteres Geheimsache. Der mysteriöse Deckel wurde vom Bundesdenkmalamt umgehend unter Schutz gestellt. Sulzer: "Derzeit beraten die Experten, was weiterpassiert."

Aus Historikersicht gibt man sich hörbar gespannt, aber betont vorsichtig: "Herr Sulzer hat hochinteressante Dokumente gefunden. Und es scheint so zu sein, dass im Bereich KZ Gusen noch einiges aufzuarbeiten ist. Hier wurde nicht, wie bislang angenommen, alles restlos erforscht. Aber es sind Indizien, noch keine Beweise. Die werden wir jetzt historisch aufarbeiten", erläutert Walter Iber vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung. Aber: "Wir haben jetzt Akten, die belegen, dass es nicht nur die 100.000 Kubikmeter an Aushub der 'Bergkristall'-Stollen gab, sondern die dreifache Menge an Erdreich. Da drängt sich die Frage nach dem Warum auf." (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 7.2.2014)

  • Andreas Sulzer auf dem ersten Ergebnis seiner zweijährigen Recherchearbeit: Die Betonplatte soll einen Nazi-Stollen verschließen.
    foto: wjd

    Andreas Sulzer auf dem ersten Ergebnis seiner zweijährigen Recherchearbeit: Die Betonplatte soll einen Nazi-Stollen verschließen.

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