Wo schrullige Figuren an jeder Ecke lauern

6. Februar 2014, 18:16
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Die 64. Berlinale hat in Wes Andersons "The Grand Budapest Hotel" einen würdigen Eröffnungsfilm

Gebäude können verschlungene Geschichten erzählen. Davon kann man sich zu Beginn der 64. Berlinale gleich auf zweierlei Arten überzeugen: In Johannes Holzhausens Dokumentarfilm Das große Museum, der in der Nebensektion Forum zu sehen ist, wird der erweiterte Komplex des Kunsthistorischen Museums in Wien und dessen Verwaltung des Habsburger-Erbes auf pointierte und kurzweilige Weise beleuchtet. Im offiziellen Eröffnungsfilm ist der Ort der Handlung zwar erfunden, doch auch im The Grand Budapest Hotel finden sich viele Hinweise auf die europäische Vergangenheit, versunken in ein fiktives "Nebelsbad".

Glorreiche Vergangenheit

US-Regisseur Wes Anderson, ein erklärter Fan des Alten Kontinents, findet hier jenes nostalgische Grundgefühl wieder, das schon Filme wie Die Royal Tenenbaums durchdrungen hat. Sein neuer Film ist Stefan Zweig gewidmet, dessen Welt von gestern spürt er in einem Kurhotel im Gebirge auf, das freilich schon bessere Zeiten gesehen hat. Das Setting von Produktionsdesigner Adam Stockhausen ist genuin: ein Hochzeitskuchen von einem Hotel, hinter dessen postkommunistischen Retro-1970er-Orangetönen die Grandezza glorreicher Vergangenheit durchscheint.

Anderson spielt in diesem Film alle Stücke seiner inszenatorischen Trickkiste aus - sogar mit einer (bewusst hanebüchenen) Verfolgungsjagd auf der Rodel trumpft er auf. Ein schier unüberschaubarer Cast aus US-Stars und europäischen Charaktergesichtern (darunter auch Karl Markovics) erfreut das Herz mit schrulligen Figuren, die in der turbulenten Kriminalfarce an jeder Ecke lauern.

Die zentrale Figur ist der dandyhafte Concierge M. Gustave, bei den alten Damen unter den Hotelgästen sehr beliebt, weil er ihnen keinen Dienst ausschlagen kann - vielleicht die beste Rolle, die Ralph Fiennes seit seinem Durchbruch in Schindlers Liste verkörpert hat. Gemeinsam mit dem kleinen Pagen Zéro (Tony Revolori) muss er jedoch vor einer durchtriebenen Großfamilie fliehen, als diese sich um ihr Erbe betrogen fühlt. Für Anderson bleibt er ein charakteristisch tugendhafter Held, der in einer sich zunehmend verfinsternden Welt Etikette und Anstand hochhält. The Grand Budapest Hotel ist gewiss keine Neuerfindung des Regisseurs, aber er wahrt alle seine Qualitäten.

Die Frage, wie man Geschichte für zeitgenössische Ansprüche museal aufbereitet - und dabei auch auf ökonomische Erfordernisse achtet -, bewegt indes Das große Museum. Die Renovierung der Kunstkammer bildet den zeitlichen Rahmen des Films; angereichert wird er mit Szenen aus dem Bauch des Hauses, die mit hintergründiger Komik (Überprüfung von Mottenfallen!) anschaulich machen, wie viel Handgriffe nötig sind, bis die Sammlung in die Öffentlichkeit geht.

Geschichte wird in diesem Film immer wieder neu betrachtet: Hinter Gemälden treten ältere Versionen zum Vorschein, umgekehrt wird das Erscheinungsbild des Hauses mit zeitgemäßen Marketingstrategien optimiert. Am Ende weiß man, dass das Attribut "kaiserlich" vor allem den Touristen gilt. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, DER STANDARD, 7.2.2014)

  • Handgemenge und andere Turbulenzen: Willem Dafoe (li.), Adrien Brody, Mathieu Amalric und Ralph Fiennes in "Grand Budapest Hotel".
    foto: berlinale / 20th century fox

    Handgemenge und andere Turbulenzen: Willem Dafoe (li.), Adrien Brody, Mathieu Amalric und Ralph Fiennes in "Grand Budapest Hotel".

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