Der tägliche Ausnahmezustand

6. Februar 2014, 18:08
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Das Porgy & Bess, einer der arriviertesten Jazzclubs Europas, feiert 20. Geburtstag - Leiter Christoph Huber über Selbstausbeutung und zu spät kommende Exzentriker

Wien - Es gehen im Porgy & Bess arrivierte Künstler ein und aus. Es gibt Club-Monate, in denen ein qualitativer Ausnahmezustand herrscht, der auch großen Festivals sehr gut anstehen würde. Dennoch, jemand wie Prince schaut nicht alle Tage vorbei. "Er kam am Vortag seines Wien-Konzerts", so Christoph Huber, "wirkte freundlich und hatte Eintritt bezahlt. Er sah sich den Club an, da er überlegte, am nächsten Tag, nach seinem großen Gig, bei uns weiterzumusizieren."

Nachdem sich das Gerücht verbreitet hatte (Huber: "Wir haben es nicht gestreut"), warteten tags darauf jedoch 500 Leute vergeblich. "Letztlich kam er nicht - vielleicht wollte seine Freundin nicht mehr das Hotel verlassen. Immerhin war er Gast hier", so Huber, der gehofft hatte, Prince am Fazioli-Flügel zu erleben. Dem Leiter eines Clubs, der täglich Qualität bietet, bleibt jedoch wenig Zeit und Grund nachzutrauern.

Seit Matthias Rüegg vor 20 Jahren in der damaligen Fledermaus (in der Spiegelgasse) das Porgy gründete, haben dort und im jetzigen, 2000 errichteten Club (in der Riemergasse) wohl weit über 90 Prozent der heimischen und internationalen Szene gespielt. Diese seltene Erfolgsgeschichte hat für Huber etwas mit einem simplen Schneeballeffekt zu tun: "Bei uns steht der Musiker im Mittelpunkt. Wir versuchen, für gute Rahmenbedingungen zu sorgen, die technischen und akustischen Aspekte sind wichtig. Und wenn sich der Künstler wohlfühlt, spricht er mit Kollegen über seine Club-Eindrücke. Das ergibt einen Werbeeffekt, den keine Marketingabteilung erzielen könnte."

Probleme rücken näher

Das Renommee steht für Huber allerdings dem Gefühl gegenüber, dass "unsere Relevanz von der hiesigen Kulturpolitik nicht erkannt wird." Wie bei den großen Häusern der etablierten Kultur ist die Subvention beim Porgy noch nie an die Inflation angepasst worden. "Das geht noch zwei Jahre gut, dann wird es schwer werden, die Infrastruktur aufrechtzuerhalten und künstlerisch etwas zu wagen. Ich glaube, dass sich die Kulturpolitik Verteilungsgedanken machen müsste."

Dass dabei Einschnitte drohten, ist Huber klar. "Es könnte auch uns treffen, aber dann würde man zumindest interessant diskutieren können. Die jetzige Situation, in der sich alles gerade noch mithilfe der Selbstausbeutung aller Beteiligten ausgeht, ist unbefriedigend." Es könnte indes noch ungemütlicher werden. Bei einer Eigendeckung von 60 Prozent ist der Sponsorbeitrag der Bawag von 140.000 Euro essenziell. Nur läuft der Vertrag 2015 aus.

Der aus Saalfelden stammende Huber ist indes haarige Situationen gewöhnt. Als es um den Bau des Clubs in der Riemergasse ging, kam es zum Regierungswechsel, und der neue Kunststaatssekretär Franz Morak wollte sich an die Zusagen des Vorgängers nicht halten. "Er argumentierte, dass die von Peter Wittmann zugesagte Summe von der Vorregierung nicht budgetiert worden sei. Wir aber hatten mit Wittmann einen Vertrag über 15 Millionen Schilling. Wir begannen mithilfe des Wiener Kulturstadtrats Peter Marboe, der die zugesagte Summe der Stadt überwies, zu bauen."

Morak, solcherart unter Druck gesetzt, gab zwar nach. Er schickte aber einen Vertrag, "der mich in persönliche Haftung nahm. Ich habe unterschrieben, dachte mir, es ist egal, ob ich jetzt für eine Million geradestehe oder für 15." Wer solches durchgemacht hat, bleibt, da Musikfreak, allerdings doch nicht cool, so ein Klassiker des Genres nicht zum Konzert erscheint. Pianist Cecil Taylor also. "Er rief mich am Vortag aus New York an und meinte, er könne nicht kommen, er hätte eine Party. Mein Fehler war, ihn nicht in New York abgeholt zu haben."

Klagenfurt als Wien

Na ja, Taylor hat das Konzert nachgeholt. "Er war vier Tage hier, wünschte jeden Tag um 14.00 Uhr zu proben. Tatsächlich war er immer pünktlich da. Erstaunlich", so Huber, der viele solcher Geschichten kennt. Etwa auch jene von Sänger Andy Bey, der, aus Deutschland kommend, in Klagenfurt aus dem Zug stieg - in der Meinung, es sei Wien. "Später erzählte er, dass er in Klagenfurt meditiert habe - mit dem Ziel, alles möge gutgehen. Um 22.00 Uhr kam er doch, der Club war noch voll, es wurde ein tolles Konzert."

Solche gibt es seit einer Weile übrigens auch in der Strengen Kammer, dem zweiten, eher experimentellen Aufführungsort des Porgy, für den nach dem Motto "Pay as you wish" bezahlt wird. Und bei dem natürlich alle Einnahmen an die Künstler gehen. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 7.2.2014)

  • Noch gut gelaunt: der künstlerische Leiter des Porgy & Bess, Christoph Huber.
    foto: corn

    Noch gut gelaunt: der künstlerische Leiter des Porgy & Bess, Christoph Huber.

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