Kontroverse um Dieudonné: Zensur muss sein

Gastkommentar7. Februar 2014, 15:07
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Wenn die Auftritte eines Komikers verboten werden, schreien viele zu Recht "Zensur!". In der Affäre Dieudonné kann man nur sagen: Dieu merci!

Als ich vor zehn Jahren das erste Mal längere Zeit in Frankreich lebte, nahm mich ein Freund zu einem Auftritt eines Komikers mit ziemlich merkwürdigem Namen mit. Es muss in einem kleinen Kabarett gewesen sein, zumindest saß ich in meiner Erinnerung ziemlich nah vor diesem Dieudonné M'bala M'bala. Von dem, was er sagte, habe ich trotzdem so gut wie nichts verstanden. Auf der Uni hatten wir zwar über Rabelais und Balzac gesprochen, aber Dieudonnés Sprachspielchen standen nicht auf dem Lehrplan. Nur dass es rabiat zuging und ziemlich oft von Religion die Rede war, hatte ich begriffen.

Witze über Gaskammern

Über die Jahre begegnete mir der Name Dieudonné immer wieder einmal. In Fernsehshows, wegen Gerichtsgeschichten und im Zusammenhang mit Jean-Marie Le Pen. Ich fragte mich, ob mein Französisch wohl langsam ausreichen würde, um bei seinen Auftritten herzlich mitlachen zu können. Aus heutiger Sicht wäre ich im Falle Dieudonnés über ausbleibende Fortschritte im Spracherwerb froh gewesen. Ganz ehrlich, mit DDR-Familienbackground bin ich alles andere als gleichgültig, wenn es um den Wert der Redefreiheit geht. Und auch die Gedanken können, sollen, müssen frei sein. Und das ist auch gut so.

Dennoch kommt man ins Zweifeln, wenn unter dem Label "Komik" Witze über Gaskammern und den "nervigen" Holocaust für Lacher sorgen. Auch nach neun Verurteilungen wegen Anstiftung zum Rassenhass wiederholt der 47-Jährige gebetsmühlenartig, er sei kein Antisemit. Klar, schließlich darf man doch "Witze" nicht immer so wörtlich nehmen. Dieudonné erzählt über eine Begegnung mit einem "jüdischen Passanten": "Der Typ hatte totale Angst vor mir! Und ich so zu ihm: Beruhig dich – ich werd dich schon nicht deportieren! Ich hatte eine Verabredung in 15 Minuten und wirklich nicht viel Zeit!"

Standing Ovations für umstrittene Geste

Dieudonné M'bala M'bala ist als dunkelhäutiger Kamerun-Franzose zum Antihelden geworden, dessen Fans aus allen Altersgruppen, sozialen Milieus und politischen Lagern stammen. Die einen feiern ihn für seinen Antisemitismus, andere sehen in ihm einen Systemkritiker, der Klartext spricht und die Absurditäten der französischen Gesellschaft aufzeigt.

Seit seine Auftritte Mitte Januar vom französischen Innenministerium verboten wurden, hat er an Popularität nur noch dazugewonnen, und wo immer er auftaucht, kommen Zuschauer, Fernsehkameras und Polizisten. Der Komiker gefällt sich in der Rolle des Opfers, des Establishment-Gegners, des Mundaufmachers ... Seine Geldstrafen von insgesamt 65.000 Euro, zu denen er rechtskräftig verurteilt wurde, hat er nie bezahlt und stets behauptet, er sei mittellos. Ende Januar fand die Polizei in seiner Wohnung 650.000 Euro Bargeld. Klar, kann ja einmal passieren, sagt sein Anwalt. So ein Künstler bekommt ja mitunter am Ende des Abends die Eintrittsgelder direkt cash auf die Hand, wer kennt das nicht?

Unbeeindruckt trat Dieudonné am 3. Februar in der Schweiz auf und ließ es sich nicht nehmen, erneut den umgekehrten Hitlergruß, die "Quenelle", zu zeigen. Ausgestreckter Arm nach unten, linke Hand auf die rechte Schulter. Standing Ovations! Dieudonné hat mit der "Quenelle" eine (antisemitische?!) Geste erschaffen, von der keiner mehr weiß, was sie wann und für wen bedeutet. Dem Fußballer Nicolas Anelka droht der Englische Fußballverband mit einer Spielsperre. Er selbst sagt, er habe seinem "Freund Dieudonné" mit dem Gruß eine Freude machen wollen ...

Provokateur mit Eigenliebe

Natürlich schafft das Auftrittsverbot in Frankreich antisemitisches Gedankengut nicht aus der Welt, und auch die latente Unzufriedenheit vieler junger Leute kann damit nicht von der Bühne, ergo vom Tisch gefegt werden. Dennoch war es richtig. Keine Frage, jede Gesellschaft braucht Systemkritiker, braucht laute Stimmen gegen Missstände und Ungerechtigkeiten, und auch Selbstironie und Witz müssen in jeder demokratischen Gesellschaft aufrütteln, nachdenklich machen oder einfach nur unterhalten. Nur geht Dieudonné mit seiner selbstkreierten Rolle als "Stimme der Vorstadt" alles andere als verantwortungsvoll um.

Er wartet genüsslich, bis sich die Stimmung derart aufheizt, dass es auch gefährlich werden kann ... und nach mir die Sintflut. Wer derart polemisiert, muss auch wissen, was er in manchen Momenten in einer Gesellschaft anrichten kann, muss spüren, wenn er die Würde anderer verletzt und, noch viel banaler: gegen Gesetze verstößt! Seine Shows sind weder ein humoristisches Glanzstück, noch beinhalten sie begründete, unausgesprochene Gesellschaftskritik oder notwendige Botschaften. Sie zeugen nur von der Genugtuung eines Provokateurs mit ausgeprägter Eigenliebe und, ja, auch ein bisschen Bühnentalent.

Lieber wäre es mir trotzdem, ich müsste das alles gar nicht verstehen ... (Romy Straßenburg, derStandard.at/The European, 7.2.2014)

Romy Straßenburg arbeitet in Paris als freie Journalistin für deutsche und deutsch-französische Medien. 2008 erhielt sie zusammen mit ihrer französischen Kollegin Eva John den deutsch-französischen Journalistenpreis für das Blog-Projekt "Generation 80". Dieser Text erscheint in Kooperation mit The European.

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