Ägypten: Wer wird der neue starke Mann am Nil?

Leserkommentar6. Februar 2014, 17:26
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Die Frage ist, ob Sisi der richtige Präsident für Ägypten ist

Der frischgebackene ägyptische Generalfeldmarschall Sisi holte sich die Rückendeckung seines Militär für die Präsidentschaftskandidatur, und gleichzeitig wurde der Termin für diese Wahl vorverlegt. Dass die Parlamentswahl erst nach der Präsidentschaftswahl stattfindet, ist taktisch klug eingefädelt, da auch im Parlament eine Spaltung drohte, die die Wahl hätte gefährden können. Nach der Wahl, mit einem Gewinner, der Sisi heißt, wird es auch im Parlament keine Opposition mehr geben und damit keine Kontrolle des Regimes.

Sisi hat inzwischen auch offiziell bestätigt, dass er als Präsidentschaftskandidat antreten wird, mit der Begründung, dass sein Volk es so will. Auch Hoda, die Tochter des Ex-Präsidenten Nasser, hat ihn schon vor einiger Zeit in einem offenen Brief aufgefordert zu kandidieren.

Auch wenn es noch ein paar Zweifler gibt, Sisi wird diese Wahl haushoch gewinnen. Die Wahlbeteiligung wird aber auch diesmal wieder sehr zu wünschen übrig lassen, weil das Land zu stark polarisiert ist.

Ist er der Richtige?

Die Frage ist aber nicht, ob Ägypten in dieser Situation eine starke Führungskraft braucht oder nicht, sondern ob der Generalfeldmarschall genau der Richtige für diese Position ist. Sisi nimmt die seiner Meinung nach gewaltige Zustimmung von jedoch nur knappen 40 Prozent der Bevölkerung zu seinem Verfassungsgesetz zum Anlass, weiter brutal gegen Demonstranten, Kritiker und Andersdenkende vorzugehen, statt sich um das Land zu kümmern, das er recht bald als gewählter Präsident wird regieren müssen.

Die jüngste Verhaftung von vier ausländischen Journalisten und die darauffolgende Anklage wegen Terrorverdachts sprechen Bände und lassen ahnen, wohin die Reise unter dieser Militärherrschaft geht.

Sein nächstes Opfer wird Morsi selbst sein, dem nun die Todesstrafe droht, statt dass ihn Sisi als zukünftiger Präsident großzügig begnadigt.

Im Moment ist Sisi noch der Liebling des Volkes oder, um genau zu sein, von Teilen des Volkes. Als "Retter Ägyptens", wie man ihn gerne nennt, sind ihm öffentlicher Jubel und Zustimmung sicher. Man hat nur in seinen Kreisen noch nicht bedacht, dass es dem neuen Präsidenten recht bald ergehen könnte wie weiland dem Zauberlehrling, der auch die Geister, die er rief, nicht mehr loswurde.

Stimmung im Land

Im Klartext, die Stimmung im Land kann schneller umschlagen, als er denkt, nämlich dann, wenn es Sisi nicht sehr schnell gelingt, als neuer Präsident die Verhältnisse im Land deutlich merkbar zu verbessern.

Dass aber eine derartige radikale Veränderung in einem Land, in dem über Jahrzehnte hinweg nur Korruption und Misswirtschaft geherrscht hatten, nicht über Nacht möglich ist, wird der neuen Regierung unter seiner Führung recht bald auf den Kopf fallen. Dies aus dem einfachen Grund, dass das Volk ziemlich ungeduldig ist und sich nicht um seine Revolution, die sehr viel Blut gekostet hatte, betrügen lassen wird.

Zwar hat der neue Präsident kraft der Unterstützung seines Militärs von den Oppositionellen des Landes, zu denen nun auch die Säkularen gehören, im Moment wenig zu fürchten, aber auf lange Sicht  werden nur möglichst kurzfristige radikale Veränderungen im Sinne einer Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse dem neuen Präsidenten seinen Sessel sichern.

Das ägyptische Volk steht schon in den Startlöchern und ist bereit für eine weitere Revolution, wenn sich nicht in sehr naher Zukunft etwas Entscheidendes im Land ändert. Da das Land aber, schon bedingt durch die bisherigen militärischen Maßnahmen, total gespalten ist, steht Sisi eine sehr schwierige Regierungszeit bevor. Es ist ein Nullsummenspiel, das er nicht gewinnen kann, sehr zum Schaden des Landes, das wohl Besseres verdient hätte. (Arnulf Jursa, Leserkommentar, derStandard.at, 6.2.2014)

Arnulf Jursa ist von Beruf Maschinenbauingenieur, seit 2000 in Pension und hat viele Jahre in arabischen Ländern gelebt und gearbeitet.

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