"Last Folio": Eine Spurensuche jüdischer Geschichte in der Slowakei

10. Februar 2014, 17:46
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Der Fotograf Yuri Dojc und die Dokumentarfilmerin Katya Krausova entdeckten Bücher als letzte Reste einer vernichteten Kultur

"Last Folio" - es sind die letzten Seiten und damit die letzten Zeugen einer Kultur, die der Fotograf Yuri Dojc festgehalten hat und die nun einen Monat lang in der Wiener Akademie der bildenden Künste zu sehen sind. Dojc und die Kuratorin und Dokumentarfilmerin Katya Krausova sind durch Zufälle auf Spuren gestoßen, die zu einem Kapitel ihrer slowakischen Heimat und schließlich zu persönlichen Verbindungen geführt haben.

Dojc, der seit vielen Jahren in Kanada lebt, hörte von slowakischen Überlebenden des Holocaust - auch solchen, die im Prager Frühling das Land verließen -, die sich im Westen regelmäßig trafen. Sein Interesse an ihnen fiel mit einem Vorhaben der in London lebenden Krausova zusammen. Sie plante eine Dokumentation über ebendiese Schicksale.

Das Interesse beider führte sie nach Bardejov, einem Dorf in der Nordostslowakei nahe der polnischen und der ukrainischen Grenze. Sie hatten dort eine der vielen Adressen, die ihnen mitrgegeben wurde: zwei alte Leute, die letzten Überlebenden der jüdischen Gemeinde. Während sie sich mit ihnen unterhielten, kam ein Nachbar vorbei und sagte, er wolle den Besuchern etwas zeigen.

Unerwarteter Schatz

"Er führte uns zu einem ehemaligen Schulgebäude, einer Yeshiva", sagt Kausova, "und dort war ein Schatz, wie wir ihn nicht erwartet hatten: alte Bücher, zum Teil in ganz schlechtem Zustand, halb verfallen - aber es war alles, was von den ehemaligen Bewohnern übriggeblieben war." Zwei Dinge, sagt sie, seien dafür verantwortlich gewesen, dass noch überhaupt etwas von ihnen vorhanden war: Erstens war das Gebäude nicht feucht. Und zweitens hätten die Bewohner gewusst, dass hier nichts Wertvolles zu holen war, und hätten die Bücher fast sieben Jahrzehnte in Ruhe gelassen.

Für beide Besucher aus dem Westen war diese Entdeckung von symbolischer Bedeutung: Nachdem sie seit Jahren nach den noch irgendwo Lebenden gesucht hatten, fanden sie nun etwas vor, das nach ihrem Dafürhalten klarer und direkter dafür stand, was in Bardejow 1942 geschah: Die jüdischen Einwohner wurden deportiert. Nur die Bücher überlebten. Dies sollte nun Kernpunkt ihrer gemeinsamen Arbeit werden. Den Unterschied zu Ed Serotas Centropa-Projekt, das sich ebenfalls mit den Spuren osteuropäisch-jüdischer Kultur beschäftigt, sieht Dojc so: "Wir sind direkte Nachfahren der Menschen, um die es hier geht, wir haben eine direkte persönliche Beziehung zu dem, was wir hier sahen."

Wie sehr dies zutrifft, sollte Dojc bei einer weiteren Reise in die Ostslowakei erfahren.

"Als wir die Blder zum ersten Mal ausstellten", sagt Krausova, "kam ein Mann auf uns zu und sagte, da gebe es noch einen Ort mit Büchern, und er gab uns auch einen Schlüssel." Sie fuhr daraufhin mit Dojc nach Michalovce, einem Ort noch näher an der ukrainischen Grenze. Dort erfuhren sie von einer anderen, weniger tödlichen, aber auch folgenschweren Vertreibung. Irgendwann in der kommunistischen Periode wurde die Dorfsynagoge, die offenbar den Weltkrieg überstanden hatte, abgerissen, um einem Parkplatz zu weichen, "für die fünf Autos des Ortes", wie Dojc bemerkt. Die paar überlebenden Juden hatten eine Nacht Zeit, die Bücher des Tempels in ein Haus zu verfrachten, das man ihnen als Ersatz angeboten hatte.

Dieses Haus suchten die Beiden nun auf. "Ich fand ein paar alten Bänke", erinnert sich Krausova, "und sonst nichts als Bücher, aufgestapelt und vor sich hin gammelnd." Sie nahm sich welche vor, blätterte und sah Stempel, Namen, Adressen. "Da fiel mir auf, was für eine Geschichte die Gebetsbücher hatten. Manche waren offenbar weit gereist, kamen aus Prag, aus Budapest, waren weitergegeben worden - irgendwie waren sie symptomatisch für die k.u.k. Monarchie."

"Vollendung unserer Reise"

Schließlich stieß sie auf ein Buch, das einem gewissen Jakub Deutsch gehörte und der, so war auf Ungarisch zu lesen, Damenschneider gewesen war. Krausova ging ins Nebenzimmer, wo Dojc gerade an seiner Foto-Arbeit war, und fragte ihn, wo seine Großeltern eigentlich her waren. Aus eben diesem Ort, Michelovce, sagte er. Und was war der Name seines Großvaters und was tat er von Beruf? "Jakub Deutsch, Damenschneider. Warum?" Krausova gab ihm das Buch. "Stellen Sie sich vor, aus den 3.000 Büchern hier!" sagte sie. "Das war wie die Vollendung unserer Reise."

Der Beginn der Ausstellungsreihe von Dojcs Fotos hingegen war im englischen Cambridge. In Variationen war die Schau dann in New York zu sehen, in Brüssel, zuletzt in der Nationalbibliothek in Rom. "Es ist fast so", schrieb "La Stampa", "als ob sich der Kreis der Geschichte über drei Generationen in jenem Schulgebäude schließen könnte."

Eva Blimlinger, Rektorin der Bildenden, hat das Projekt "Last Folio" nun nach Wien geholt. Am Dienstagabend, 11. Februar, wird es eröffnet, offizielle slowakische Vertreter werden erwartet. In gewisser Weise schließt sich damit auch ein lange unterbrochener Kreis der österreichisch-slowaktischen Vergangenheit. (Michael Freund, derStandard.at, 10.2.2014)

"Last Folio", Fotos von Yuri Dojc in Zusammenarbeit mit dem Slowaktischen Institut in Wien und mit Unterstützung der Akademie.

Akademie der bildenden Künste, Schillerplatz 3, 1010 Wien. Von 12.2. bis 16.3.

  • Reste von Büchern aus der Schule in Bardejov, Slowakei
    fotos: yuri dojc

    Reste von Büchern aus der Schule in Bardejov, Slowakei

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    fotos: yuri dojc
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