Lärm und Mauerrisse: Die Variobahn macht nicht alle Grazer glücklich

7. Februar 2014, 05:30
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Bürgerinitiative berichtet von Rissen in Mauern durch die aktuelle Straßenbahngeneration - Graz Linien verweisen auf Messergebnisse unter dem Schwellenwert

Wien/Graz - Offiziell gibt es das Problem nicht mehr, seit Barbara Muhr es vergangenen April für gelöst erklärt hat. Die Vorstandsdirektorin der Holding Graz Linien beteuerte, dass dank technischer Nachrüstungen und einer streckenweisen 30-km/h-Beschränkgung den Grazern keine Straßenbahn mehr zu laut sein wird. Die Bürgerinitiative StraßenbahnanwohnerInnen beklagt sich jedoch weiterhin über den Lärm und die Schwingungen, die die Tramway erzeugen soll.

45 Züge des Typs Variobahn bestellte die Holding 2007 um knapp 100 Millionen Euro beim Berliner Hersteller Stadler Pankow, 2015 soll die letzte Tranche ausgeliefert werden. Nachdem im März 2010 die ersten Garnituren ins Gleisnetz der steirischen Landeshauptstadt entlassen worden waren, sah sich der Verkehrsbetrieb noch im selben Jahr mit Anrainerbeschwerden konfrontiert. Obwohl die Züge bei der Abnahme alle Normwerte erfüllt hatten, besserten die Graz Linien ab 2011 nach: Weichere Fahrwerkfedern, neue Räder und Kunststoff- statt Metallelemente bei der Anlenkung waren Teil des "Graz-Maßnahmenpakets", dessen Ende Muhr im Vorjahr verlautbarte.

Anwohner wegen Mauerrissen besorgt

Mitglieder der Bürgerinitiative berichteten aber weiterhin über Schlafstörungen, Risse in Putz und Hausmauern und anspringenden Alarmanlagen, jeweils ausgelöst von den passierenden Zügen. "Leider ist die Lebensqualität immer noch viel schlechter, als vor Einsatz der neuen Niederflurbahnen. Der Altbestand ist mehr als zehn Jahre älter, aber nachweislich um circa zehn Dezibel leiser", erklärt ein Sprecher der Initiative, die auch die 1.200-fach unterzeichnete Petition "Für ein Graz ohne Donnerbahn" ins Leben rief.

Problematisch sei allerdings nicht nur der Schall, der über die Luft übertragen wird, sondern auch die Erschütterungen über Festkörper, argumentieren die Anwohner. Für die Koralmbahn wurde bei der Umweltverträglichkeitsprüfung eine Schwingstärke von maximal 0,15 KB zugelassen, in den betroffenen Grazer Gebieten entlang der Tram-Linien 4, 5, 6 und 7 seien hingegen Werte bis zu 0,74 KB gemessen worden. Ab 0,1 KB sind die Schwingungen für den menschlichen Körper spürbar.

Schon 2011 drohte der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) "im schlimmsten Fall" mit einem Ausstieg aus dem Vertrag mit Stadler Pankow. Und 2012 erteilte der damalige Volksanwalt Peter Kostelka dem Grazer Verkehrsbetrieb ein erdrückendes Urteil: Die Bauartgenehmigung für die Variobahn sei wegen mangelnder Prüfung der Schallemission rechtswidrig, die Fahrzeuge nicht auf dem "Stand der Technik".

Unverdächtige Ergebnisse

"Es handelt sich um fabriksneue Züge, die gar keine Zulassung erhalten würden, wären sie nicht auf dem Stand der Technik", sagt Gerald Pichler, der Sprecher der Graz Linien, gegenüber derStandard.at. Die Anrainerbeschwerden würden nach wie vor ernst genommen, doch bei den eigenen Messungen sei man laufend auf nur unverdächtige Ergebnisse gestoßen. Bei der Lärmbelastung blieben "alle Messpunkte unter dem Schwellenwert, teils sogar deutlich".

Das bestätigte 2013 auch Gutachter Rainer Flesch von der TU Graz: Die Untersuchung "war ganz gründlich, da fährt die Straßenbahn drüber". Die Graz Linien räumen zwar ein, dass sich vereinzelt "besondere und unvorhersehbare Situationen" ergeben können, doch dort trägt laut dem Konzern nicht die Variobahn Schuld, sondern der Untergrund: So könnten sich etwa in einem kurzen Abschnitt der Theodor-Körner-Straße "durch weiche Tonschichten im Boden punktuell Probleme ergeben."

Drei Rechnungshofberichte

Ein größeres Maßnahmenpaket wie im Vorjahr sei derzeit jedenfalls nicht geplant. Die Anrainer befürchten dagegen sogar, dass sich das Problem noch auswachsen könnte. Denn die Bim-Garnituren könnten bis 2017 um knapp ein Drittel ihrer Länge ausgebaut werden. Diese Option könnte bis 2017 gezogen werden, den erforderlichen Grundsatzbeschluss gibt es laut Pichler aber noch nicht.

Dass es an dem 100-Millionen-Euro-Deal nichts auszusetzen gebe, haben Stadt-, Landes- und Bundesrechungshof in ihren jeweiligen Prüfberichten festgehalten, sagt eine Sprecherin des Herstellers Stadler Pankow im Gespräch mit derStandard.at. Die Anrainerkritik wegen Lärm und Erschütterungen hält sie oft für unangebracht: "Die Bewohner von acht Häusern sind wirklich arm, weil sie auf einem Damm gebaut haben, der die Schwingung gut überträgt. Sonst erreichten uns kaum Klagen, auf Linie 6 gab es nur eine Beschwerde, auf Linie 7 keine einzige." In manchen Fällen vermutet die Sprecherin hinter den Protesten auch bloß lokalpolitische Taktik von Interessensvertretern.

Andere Probleme in anderen Städten

Graz ist im Übrigen nicht die einzige Stadt, in der die Variobahn für Verärgerung sorgt. Im deutschen Potsdam zog der Verkehrsbetrieb ViP Ende Jänner kurzzeitig 13 seiner 14 Variobahnen wegen Entgleisungsgefahr vorsorglich aus dem Verkehr. Auch in München und Nürnberg wurden die gesamten Vario-Flotten wegen Serienschäden an den Rädern temporär stillgelegt.

Dass es von allen Städten, die die Variobahn im Einsatz hat, bisher nur in Graz zu größerem Protest wegen Lärmes gekommen ist, liegt laut der Stadler-Sprecherin auch an Grazer Eigenheiten: Die Holding bestellte die Züge in voller Ausstattung – inklusive Klimanlage sei eine Garnitur um sechs Tonnen schwerer und damit lauter als serienmäßig ausgeliefert. Und im engen historischen Zentrum von Graz würden sich Schall und Schwingungen besser ausbreiten können, als in weniger dichtem Gebiet. Damit müsse man leben: "Wer in Jakomini wohnen will, darf sich nicht die Geräuschkulisse der Koralm erhoffen." (Michael Matzenberger, derStandard.at, 7.2.2014)

  • 100-Millionen-Euro-Deal: Die Variobahn ist zu laut und schwingungsintensiv, meinen Anrainer.
    foto: apa/ingrid kornberger

    100-Millionen-Euro-Deal: Die Variobahn ist zu laut und schwingungsintensiv, meinen Anrainer.

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