Durch die Westsahara: Roadkill

9. Februar 2014, 15:00
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Der österreichische Filmemacher Michael Glawogger berichtet von seiner Reise für das Projekt "Film ohne Namen", die ihn nach Aftaissate geführt hat

Da lag also dieses Kamel am Straßenrand. Für die Leute aus der Gegend mag das nichts Besonderes sein, denn so wie jeder Landstrich sein Tierleben hat, so haben alle Straßen der Welt auch ihre Roadkills. In ländlichen Regionen Mitteleuropas sind es Rehe, Fasanen und Hasen, in den Wüstengebieten der USA Roadrunner, Kojoten und Opossums, in Städten eher Katzen und Hunde. Auch ein Uhu war ihm schon untergekommen - aber ein Kamel noch nie.

Ein Kamel ist ja wirklich ein mächtiges Tier. Er konnte sich nicht erinnern, je eine überfahrene Kuh gesehen zu haben – aber Kühe laufen ja üblicherweise auch nicht frei herum. Er hatte allerdings schon von Elchen gehört, die in Finnland in Autos laufen. Elche sind auch nicht die Klügsten, hatte ihm ein befreundeter Finne einmal erzählt. Aber was weiß man, was Finnen so erzählen, wenn sie überhaupt etwas erzählen. Ein Kamel jedenfalls lässt sich wohl nicht so leicht überfahren, dachte er, als er auf der schnurgeraden Straße weiter durch die unwirkliche Landschaft der Sahara fuhr. Der weiße Sand, die sich leicht im Wind kräuselnden Dünen und die Schicht für Schicht aufgetürmten, brüchigen Steinhaufen verliehen dieser Gegend etwas zunehmend Geisterhaftes. Kamele hatte er zuvor in einer eher klassischen Wüstengegend gesehen. Da war der Sand noch braun und glich den Bildern, die er von einer Wüste im Kopf hatte.

Versickertes Blut

Hier trieb der Wind den Sand über den Asphalt und ließ alles wie verschneit erscheinen. Die grünen Büsche, die zwischen den Dünen hervorlugten, machten alles noch surrealer. Um sich zu vergewissern, vor nicht einmal einer Stunde ein totes Kamel am Straßenrand liegen gesehen zu haben, nahm er seine Kamera zur Hand und sah sich das Foto an, das er von ihm gemacht hatte. Das Tier wirkte friedlich auf dem Bild. Es lag einfach da, und das Blut, das aus seinem Kopf geronnen war, war im Sand versickert. Ein Lastwagen hatte wohl genau seinen Kopf gerammt – nur so konnte er, selbst unbeschadet, weitergefahren sein. Das Kamel hatte wahrscheinlich nur den Kopf gerade so weit vorgestreckt, dass er in die Fahrbahn geragt war. Er hatte schon öfter einzelne Tiere am Straßenrand stehen und fressen sehen. Meist waren es zwar größere Herden, aber es gab eben auch solche Einzelgänger.

Das tote Tier wies sonst keinerlei Verletzungen auf, und wäre der Lastwagen mit der hier üblichen Geschwindigkeit von hundert km/h direkt mit ihm kollidiert, sähen die Überreste wohl anders aus. Nicht nur gäbe es Bremsspuren –  wahrscheinlich hätte es der Fahrer auch nicht geschafft, die Herrschaft über sein Fahrzeug zu behalten. Dann läge wohl noch ein ausgebranntes oder zumindest umgekipptes Wrack am Straßenrand – und vielleicht sogar ein toter Mensch.

Die toten Menschen, die er bisher gesehen hatte, waren meist zugedeckt. In seiner Welt wurden Tote schnell entfernt oder zumindest vor den Blicken anderer geschützt. Er erinnerte sich, als Jugendlicher mit seinen Eltern im Schritttempo an einem Unfall vorbeigefahren zu sein. Alles blitzte im blauen Licht der rhythmisch sich drehenden Signallampen. Und genau als ein Beamter sie am Geschehen vorbeiwinkte, deckte ein Uniformierter eine Leiche, die neben einem völlig zerstörten Auto lag, zu. Diese Bewegung des Zudeckens war seine erste Begegnung mit dem Tod. Sie ließ ihn verstummen, obwohl er sonst zu allem irgendetwas zu sagen hatte. Für immer war dieses Bild sein Bild des Todes geblieben. Stellte er sich seinen eigenen Tod vor, dann deckte ihn irgendeine Obrigkeit zu. Mit Plastik. Er wusste gar nicht, womit der Polizist den Verkehrstoten damals zugedeckt hatte. In seiner Erinnerung war es eine Plane aus weichem Kunststoff. Es fiel ihm schwer, zu beschreiben wie sich diese Plane anfühlen musste, aber wenn er an den Tod dachte, dann konnte er ihre Beschaffenheit spüren. Egal, ob er sich vorstellte, kopfüber aus dem Fenster eines Hochhauses zu springen, oder ob ein kurzer Schlaf am Nachmittag so tief war, dass er im Aufwachen dachte, er wäre tot – sofort kam das Gefühl der Plastikplane, und das ließ ihn mit einem Anflug von Panik sehr schnell wach werden.

Toter auf Verkehrsinsel

Kurz nach der Jahrtausendwende hatte er in Port Harcourt, Nigeria einen toten Mann gesehen, der auf einer Verkehrsinsel lag. Es war kein Blut zu sehen, und die Haut, die er von seinem Platz in einem langsam vorbeifahrenden Bus gut erkennen konnte, hatte keine Leichenblässe. Trotzdem wusste er sofort, dass der Mann tot war – und dass er wohl erst kürzlich gestorben sein musste, denn unter seiner dünnen Leinenhose zeichnete sich deutlich eine Erektion ab. Er hatte schon gehört, dass Erhängte im Moment des Todes ein steifes Glied bekommen, wusste aber nicht, wie lange das anhält. Niemand im Bus beachtete die Leiche, während er selbst den Blick nicht abwenden konnte. Bis ans Ende seiner eigenen Tage würde er sich merken, dass der Mann ein braun gemustertes Hemd trug, das bis zum Bauchnabel aufgerissen war.

Am Abend fragte er den Concierge in seinem Hotel, ob es in Nigeria üblich sei, einen Toten einfach am Straßenrand liegen zu lassen. Der großgewachsene Mann lachte wissend auf. Ja, in manchen Gegenden, vor allem in den ärmeren Vorstädten, mache die Polizei das, wenn es sich um einen Mord handelte. Die Leute hätten es nicht so gerne, wenn Leichen einfach so herumlägen, und da in diesen Gegenden jeder alles über jeden wisse, werde der Mörder dann meist schnell verpfiffen. Ob dann nicht auch jemand als Mörder bezeichnet wurde, nur weil er unbeliebt war? Der Concierge wiegte den Kopf und meinte, dass das durchaus vorkäme. Aber der Polizei sei das egal. Die wolle nur einen Mörder und dann wieder ihre Ruhe.

Am nächsten Tag lag der Tote noch immer auf der Verkehrsinsel. Erektion hatte er keine mehr. Am dritten Tag sah er schon aufgedunsen aus, und die Menschen, die an ihm vorbeigingen, bedeckten ihre Nase mit einem Tuch oder hielten sich die Hand vor das Gesicht. Am vierten Tag war der Leichnam verschwunden.

Der Wüstenwind, durch den er fuhr, war zu einem Sturm geworden, und die Verwehungen des weißen Sandes hatten die Fahrbahn an einigen Stellen fast gänzlich zum Verschwinden gebracht. Die Sonne war ein milchiges Etwas. Davor schien die Luft zu tanzen. Er hätte sich nicht gewundert, wenn er einen weißen Lastwagen gesehen hätte, der von Kamelen umringt war. (Michael Glawogger, derStandard.at, 9.2.2014)

  • Hier trieb der Wind den Sand über den Asphalt und ließ alles wie verschneit erscheinen. Die grünen Büsche, die zwischen den Dünen hervorlugten, machten alles noch surrealer. Er nahm seinen Fotoapparat zur Hand, um sich zu vergewissern, dass er vor nicht einmal einer Stunde tatsächlich ein totes Kamel am Straßenrand hatte liegen sehen.
    foto: michael glawogger

    Hier trieb der Wind den Sand über den Asphalt und ließ alles wie verschneit erscheinen. Die grünen Büsche, die zwischen den Dünen hervorlugten, machten alles noch surrealer. Er nahm seinen Fotoapparat zur Hand, um sich zu vergewissern, dass er vor nicht einmal einer Stunde tatsächlich ein totes Kamel am Straßenrand hatte liegen sehen.

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt exklusiv Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.

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