Die krautige Welt der Mammuts

5. Februar 2014, 19:19
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Von wegen trockene Graslandschaften: Dänische Paläogenetiker zeichnen ein neues Bild von der prähistorischen Tundra

Kopenhagen - Trockene Steppen, bevölkert von Wollnashörnern und Mammuts, die an Gräsern ihren Hunger stillen: So stellten sich Wissenschafter bisher die prähistorische Tundra vor - ein vermutlich falsches Bild, wie dänische Biologen nun anhand einer aktuellen Bestandsaufnahme des pflanzlichen Ökosystems vor mehr als 10.000 Jahren nachgewiesen haben. Die bekannten Vertreter eiszeitlicher Megafauna gab es schon, die arktische Vegetation dürfte jedoch völlig anders ausgesehen haben.

Bisherige Rekonstruktionen der Pflanzenwelt der vergangenen 50.000 Jahre stützten sich vor allem auf die Analyse von fossilen Pollen. Doch bei der Interpretation der Befunde ist Vorsicht geboten. Pflanzen, die besonders viele Pollen hervorbringen, können das Bild verfälschen. Insbesondere die Rolle der Gräser dürfte dadurch bisher überschätzt worden sein.

Daher wählten der Paläogenetiker Eske Willerslev und sein Team von der Universität Kopenhagen einen anderen Zugang: Die Forscher untersuchten mehr als 240 datierte Permafrost-Bodenproben aus 21 Regionen auf der Nordhalbkugel auf genetische Überreste, die Hinweise auf die Zusammensetzung der urzeitlichen Vegetation liefern. Dazu zählen auch Fadenwürmer, deren Artenvielfalt Rückschlüsse auf die Pflanzendecke zulässt.

Die nun im Fachjournal "Nature" veröffentlichten Ergebnisse überraschten die Biologen und stellen bisherige Erkenntnisse infrage: Nicht Gräser, sondern krautige Pflanzen dominierten demnach die prähistorischen Steppen und lieferten die Lebensgrundlage von Mammut, Wollnashorn und Co. Mit diesen Resultaten ließe sich auch die Frage klären, wie das damalige arktische Ökosystem die zahlreichen großen Säugetiere überhaupt ernähren konnte.

Kräuter-Rückkoppelung

Die Forscher vermuten darüber hinaus, dass die energiereichen Kräuter zu einem Rückkoppelungseffekt führten: Die von den krautigen Pflanzen lebenden Säugetierherden zertrampelten die bestehende Grasnarbe, in den so entstehenden Lücken siedelten sich ständig neue Kräuter an.

Mit der weiträumigen Vereisung der letzten Eiszeit vor 25.000 bis 15.000 Jahren begann der Artenreichtum unter den proteinhaltigen Kräutern allmählich zu schwinden. Grundlegend geändert hat sich die Vegetation aber erst vor rund 10.000 Jahren: Die Tundren wurden wärmer und feuchter, die Kräuter gingen weiter zurück und machten Platz für Gräser und holzige Pflanzen. Am Ende dieser Entwicklung stand schließlich jene überwiegend grasbedeckte Tundra, wie wir sie heute kennen. (tberg, DER STANDARD, 6.2.2014)

  • Trockene Graslandschaften: So stellte man sich bisher die prähistorische Tundra vor - ein Irrtum, wie sich nun zeigte.
    foto: per möller/johanna anjar

    Trockene Graslandschaften: So stellte man sich bisher die prähistorische Tundra vor - ein Irrtum, wie sich nun zeigte.

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