Olympischer Gastgeber mit Faible für Stalin

Kopf des Tages5. Februar 2014, 18:58
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Anatoli Pachomow hat es ohne gegen Autoritäten aufzumucken zum Bürgermeister von Sotschi geschafft

Dobro poschalowat! Herzlich willkommen! Nirgendwo wird die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft so ernst genommen wie im Kaukasus. Und so freut sich auch Sotschis Bürgermeister Anatoli Pachomow darauf, Gäste aus aller Welt zu umarmen - solange diese Gäste nicht homosexuell sind. Das ist nämlich nicht üblich im Kaukasus, ließ der Bürgermeister erst unlängst verlauten. Also gebe es in Sotschi auch keine Schwulen, versicherte er im Interview.

Wenige Sympathien hegt Pachomow auch für oppositionelles Gedankengut. Demonstranten wirft er vor, Russland schwächen zu wollen; und die Macht der Obrigkeit bezeichnete er einmal als "von Gott gegeben".

Dass der 54-Jährige zugleich den Atheisten Josef Stalin als "Erbauer Sotschis" verehrt, erklärt sich wohl nur aus seinem Selbstverständnis der Unantastbarkeit der Mächtigen heraus. Den jetzigen Kremlchef Wladimir Putin lobte er daher als "guten Stalin, der es versteht, andere zum Arbeiten zu bringen und Aufgaben zu lösen".

Braves Parteimitglied

Pachomow marschierte stets in Reih und Glied. Zu Sowjetzeiten war er Parteisekretär und Komsomolzenführer, später dann braver Gefolgsmann des Krasnodarer Gouverneurs Alexander Tkatschow, der ihn erst zum Leiter des Tourismuskomitees machte und dann auf den Bürgermeisterposten in Anapa und später in Sotschi setzte.

Zwischendurch schrieb Pachomow sogar noch eine Dissertation, die allerdings laut der Expertenvereinigung "Dissernet" ein Plagiat sein soll. Pachomow selbst schweigt zu dem Vorwurf.

Dafür warf Pachomows Team im Wahlkampf 2009 mit reichlich Dreck. Bei der Bürgermeisterwahl setzte die Gebietsverwaltung eine beispiellose mediale Schmutzkampagne in Gang, um Pachomows schärfsten Konkurrenten Boris Nemzow auszuschalten - mit Erfolg.

Lästige Bewohner

Stand er bei seinen Vorgesetzten stets hoch im Kurs, ist der vom Land stammende Pachomow mit der Mentalität der Einwohner Sotschis aber nie ganz zurechtgekommen: Den Widerstand gegen zahlreiche Bausünden bei Olympia nannte er "nervig". Während der für Olympia zuständige Vizepremier Dmitri Kosak den Einwohnern Sotschis auf der Pressekonferenz zum Abschluss der Olympiavorbereitung noch für ihre jahrelange Geduld dankte, klagte Pachomow mit "Jeder Bau begann mit einem Skandal" über deren Aufsässigkeit. Gut, dass diese ohnehin größtenteils von den Olympischen Spielen ausgeschlossen sind. (André Ballin, DER STANDARD, 6.2.2014)

  • Anatoli Pachomow, Bürgermeister von Sotschi
    foto: ap

    Anatoli Pachomow, Bürgermeister von Sotschi

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