Italien klagt US-Ratingagenturen: Machtvolle Kulturbanausen

Kommentar5. Februar 2014, 18:55
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Auf das Kunstinteresse der Kreditanalysten sollte niemand hoffen

Sind die Ratingagenturen eine Gruppe von Kulturbanausen? Das wirft der italienische Rechnungshof den US-Kreditprüfern vor, die 2011 und 2012 in der Schuldenkrise die römische Kreditqualität nach unten geprügelt haben. Die Kreditanalysten hätten die kulturellen Reichtümer Italiens bei der Bonitätseinschätzung kaum gewürdigt.

Tatsächlich wird das Vermögen der Staaten nur selten von den Analysten einbezogen - etwa im Falle Norwegens. Dort werden Milliarden in Wertpapieren veranlagt und wären in einem Krisenfall schnell liquidierbar. Ob aber Italien im Fall einer Vertrauenskrise Michelangelos "David" schnell zu Geld machen kann, sei dahingestellt. Hätten Ratingagenturen wie S&P die Werke eines Dante Alighieri als italienisches Vermögen gezählt, es hätte wohl wenig am ökonomischen Inferno des Jahres 2012 geändert.

Doch das heißt nicht, dass nichts getan werden kann, um Abwärtsspiralen aus fallenden Ratings und aufgescheuchten Anleihemärkten zu verhindern. Die wichtigste Stellschraube wäre es, wenn die Europäische Zentralbank nicht mehr darauf pocht, dass Banken nur Sicherheiten hinterlegen dürfen, die von den Ratingagenturen bewertet werden. Das gibt den Ratings erst die Macht, die sie haben. An dieser Stellschraube ließe sich drehen. Auf das Kunstinteresse der Kreditanalysten sollte hingegen niemand hoffen: Das Milliardenfiasko der staatlichen Hypo ist für sie interessanter als Mozarts "Kleine Nachtmusik". (Lukas Sustala, DER STANDARD, 6.2.2014)

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