US-Trend zur Lockerung der Waffengesetze

6. Februar 2014, 05:30
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Wie straff die Waffenlobby die Zügel in der Hand hält, bekam Dick Metcalf ebenso überraschend wie drastisch zu spüren

Seit 37 Jahren schreibt der Historiker über Schießgerät, zuletzt lieferte er Kolumnen für "Guns & Ammo", nach Eigenwerbung das weltweit meistgelesene Fachmagazin für Feuerwaffen. Im Spätherbst, kurz vorm Jahrestag des Amoklaufs an der Sandy-Hook-Schule in Newtown, verfasste Metcalf einen Kommentar, der sich in seiner Nachdenklichkeit abhob von dem, was bei "Guns & Ammo" als Blattlinie gilt.

"Fakt ist, dass alle Verfassungsrechte reguliert sind, reguliert waren und reguliert werden müssen." Das gelte auch für das Recht amerikanischer Bürger, Waffen zu tragen, 1791 verankert im zweiten Zusatzartikel zur Verfassung. Er glaube fest daran, aber ein paar Regeln müsse es doch wohl geben. Wer von früh bis spät eine Pistole bei sich trage, müsse vorher einen Schulungskurs absolvieren, was gewiss keine Zumutung sei, sondern nur vernünftig. "In einem Kino können Sie ja auch nicht einfach aufspringen und 'Feuer!' rufen, wenn es nicht brennt."

Proteststurm ausgelöst

Metcalf konnte nicht ahnen, welchen Proteststurm er mit seinen Zeilen entfachte. Nicht nur, dass aufgebrachte Leser mit der Kündigung ihres Abonnements drohten. "Sie sind ein schlechter Mensch, und ich hoffe, Sie sterben und fahren zur Hölle", attackierte ihn ein anonymer Absender. Ein anderer wetterte in zynischer Anspielung auf den Artikel: "Jemand sollte Ihr Mundwerk regulieren". Bei "Guns & Ammo" wird Metcalf nun nicht mehr gedruckt.

Wohlgemerkt, ein Waffenfreund mit einer Waffenbiografie wie aus einer Werbebroschüre von Remington. "Als ich neun war, nahm ich die Flinte, die an unserer Küchentür hing, und machte Jagd auf Eichhörnchen und Hasen für den Sonntagsbraten", schrieb der Mann aus dem ländlichen Illinois neulich im Magazin "Politico". Mit zwölf meldeten ihn seine Eltern bei der National Rifle Association (NRA) an, der bestens vernetzten Interessenvertretung der Waffenbesitzer. Dieselbe NRA hat Öl ins Feuer der Kampagne gegen Metcalf gegossen. Dabei könnte sie sich gelassener geben, denn Amerikas Waffendebatte hat sie vorerst gewonnen.

Als das Weiße Haus nach dem Blutbad von Newtown Restriktionen anpeilte, reagierte sie mit einer Gegenoffensive, deren Parolen klangen, als drohte der Untergang des Abendlands. Die Rechnung ging auf, heute zählt die NRA rund fünf Millionen Mitglieder, eine Million mehr als vor Jahresfrist.

Pistolen im Klassenzimmer

Im Kongress scheiterte ein Gesetz, nachdem ausnahmslos alle Waffenkunden bei "background checks" auf eventuelle Vorstrafen überprüft werden sollten, auch in bis dato unkontrollierten Nischen wie ad hoc organisierten Flintenbasaren. Während Washington wie gelähmt wirkt, sind es allein die Bundesstaaten, die handeln, mit überraschenden Folgen. Von den 109 Waffengesetzen, die seit Newtown verabschiedet wurden, haben zwei Drittel die Bestimmungen gelockert, statt sie zu verschärfen. Es gibt zwar auch den Gegentrend, vor allem in den Ballungszentren im Nordosten der USA. In Connecticut etwa muss jeder Waffenaspirant einen Datencheck durchlaufen, auch dann, wenn er bei Privatleuten kauft. Doch es ist eher die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

In South Dakota dürfen Lehrer neuerdings Pistolen ins Klassenzimmer mitnehmen, um potenzielle Angreifer abzuschrecken. Damit folgt der Präriestaat der Empfehlung Wayne La Pierres, des Sprechers der NRA, der verlangt hatte, die Schulen aufzurüsten: "Der Einzige, der einen bösen Kerl mit einer Knarre stoppen kann, ist ein guter Kerl mit einer Knarre".    

Paragraf gekippt

Das mittelwestliche Illinois, in dem mit Chicago eine der akuten Problemzonen städtischer Bandenkriege liegt, kippte einen Paragrafen, nach dem es untersagt war, Handfeuerwaffen "verdeckt", etwa unterm Jackett, bei sich zu tragen. Illinois war der letzte der 50 Bundesstaaten, in dem das Verbot noch galt. In North Carolina darf man mit "verdeckten" Pistolen neuerdings auch eine Bar oder einen College-Campus, frühere Tabuzonen, betreten. Die Polizei dagegen kann Waffen, mit denen Verbrechen begangen wurden, nicht mehr verschrotten. Sie muss sie verkaufen - schon gegen die rein symbolische Abrüstungsgeste war die NRA Sturm gelaufen.

In Kalifornien legte Gouverneur Jerry Brown, nach seiner Wahl gefeiert als neuer Hoffnungsträger des progressiven Amerika, kurzerhand sein Veto ein, als lokale Senatoren den Vertrieb halbautomatischer Waffen mit auswechselbaren Magazinen stoppen wollten. Ein solches Verdikt, begründete Brown, würde kriminelle Aktivitäten zu wenig reduzieren, als dass man es rechtfertigen könnte, die Rechte von Waffenbesitzern zu verletzen. (Frank Hermann aus Washington, DER STANDARD, 6.2.2014)

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