Die Farbe der Möglichkeit

5. Februar 2014, 17:04
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Emmanuel Régent begegnet der Flut digitalisierter Bilder mit aufwändigen, an der Natur und an Fotos geschulten Zeichnungen. Für den Künstler, dem die Galerie Steinek die erste Soloschau in Österreich widmet, ist Zeichnen ein Akt der Zeugenschaft

Wien - Weiß hat keine Beschränkung, besitzt keine Tiefe, keine Dimensionen. Weiß als Ausdruck von Leere ist - verglichen mit klaffendem, saugendem Schwarz - allerdings eher ein positiv besetztes Nichts. Sinnbild von Transzendenz. Von Licht. Von etwas nicht Fassbarem - wie der Zeit.

Beides ist in der Arbeit Emmanuel Régents wirkmächtig. In den Zeichnungen des französischen Künstlers (geb. 1978 in Nizza) dominiert die Leere; das Weiß scheint regelrecht am Bild mitzumalen und sich immer mehr in die Motive hineinzufressen: Denn diese - Figuren in langen Schlangen oder Details eines felsengesäumten Meerabschnitts - bestehen nur noch aus SchwarzWeiß-Kontrasten. Jeder Dreh am Regler würde weitere Details vernichten, das Dargestellte auf schemenhafte Umrisse reduzieren.

Aber - und hier kommt der Faktor Zeit ins Spiel - das, was digital manipuliert aussieht, ist per Hand gezeichnet; tausende feine Striche hat Régent mit einem Pigment-Liner gesetzt, der jede Variation der Strichbreite oder Farbdichte unterbindet. Dieses ebenso meditative wie zeitraubende Stricheln, dieses ein schnelles Medium wie die Fotografie imitierende Zeichnen, erinnert an die Arbeiten des Österreichers Klaus Mosettig, der etwa die schnellen, gestischen Drip-Paintings von Jackson Pollock im Medium Zeichnung ausbremst.

Régent hält der digitalisierten Bilderflut aber auch "Tafelbilder" entgegen: Bilder von Weltraumnebeln und Galaxien imitiert er in einem aufwändigem Prozess: Die Effekte stellen sich durch das Abschleifen von Farbschichten ein.

Sein Bekenntnis zur Entschleunigung zeigt sich auch in seiner Passion für das Fischen. Zu Hause in Villefranche-sur-Mer bringt er abends mit einem Fischer die Netze aus, um sie morgens, bevor er ins Atelier geht, wieder einzuholen. Eine Phase des Wartens, die sich für Régent mit Spekulation und Träumen auflädt. So wie sich das Mögliche, aber nicht Realisierte in Mes plans sur la comète fängt: Große Papierbögen hat er wie Trichter zusammengerollt. Ihr unbeschriebenes Weiß birgt noch alles. Potenzial, dessen Format auch an einen Kometen erinnert. Leider schlägt der im Papierkorb ein. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 6.2.2014)

Bis 13. 3., Galerie Steinek

Eschenbachgasse 4, 1010 Wien

Link

www.galerie.steinek.at

  • Meditation des Schlangestehens: Aus Emmanuel Régents Zyklus "File d' attente".
    foto: galerie steinek

    Meditation des Schlangestehens: Aus Emmanuel Régents Zyklus "File d' attente".

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