Warum ich kein Freund der Neuen Mittelschule bin

Leserkommentar5. Februar 2014, 16:06
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Eine Antwort auf Bernd Schilcher

Der Dreißigjährige Krieg um die Begriffe Leistung und Gerechtigkeit überlagert die Schuldiskussion in Österreich und erstickt jeden ernsthaften Reformversuch im Keim. Wie in allen Religionskriegen sind objektive Fakten irrelevant und die Standpunkte der Lager unverrückbar. Die ÖVP verteidigt nach wie vor die heile Welt, dass unsere Hauptschulen dem handwerklich talentierten Kind eine wunderbare Karriere als Facharbeiter oder gar Unternehmer eröffnet. Die SPÖ stellt die Gesamtschule als ein Paradies dar, in dem die individuellen Begabungen maximal gefördert werden.

Abweichende Meinungen innerhalb der SPÖ und der ÖVP vom jeweiligen Dogma werden als Ketzerei geahndet. Die Tatsache, dass es Schulsysteme wie in Skandinavien oder Kanada gibt, in denen Leistungsorientierung und Gerechtigkeit keine Widersprüche sind, wird hartnäckig ignoriert. Die verheerenden Folgen dieser ideologischen Selbstfesselung sind, dass unser Schulsystem heute leistungsfeindlich und sozial diskriminierend ist. Daran hat die Neue Mittelschule (NMS), wie ich befürchtet habe, nichts geändert. Dafür gibt es klare Gründe:

Ein wesentlicher Grundpfeiler der NMS, jeweils ein AHS-Lehrer unterrichtet gemeinsam mit einem Hauptschullehrer die Hauptgegenstände, hat sich aufgrund der Standesinteressen und Kulturunterschiede als unrealisierbar erwiesen.

Teamteaching

Man hat Teamteaching zwar lauthals verkündet, ist aber vor der dafür  notwendigen intensiven Ausbildung der Lehrer und der Investition in eine pädagogischen Reform zurückgeschreckt. Die Folge dieses Versäumnisses ist, dass es an ein und derselben NMS Gegenstände gibt, wo Teamteaching aufgrund der Fähigkeit der Lehrer sehr gut funktioniert, und solche, wo einer der beiden Lehrer Hausübungen korrigiert, während der andere weiter frontal unterrichtet.

Die ÖVP hat in der letzten Periode zu Recht gefordert, dass die NMS unabhängig wissenschaftlich evaluiert werden muss, bevor sie zur Regelschule wird. Diese Position wurde dann ganz schnell für einen ideologischen Kompromiss geopfert: Die ÖVP rettet das Gymnasium und die SPÖ darf dafür so tun, als ob die NMS ein Schritt zur Gesamtschule wäre. In Wirklichkeit zementiert die NMS die frühe Trennung nach Herkunft ein.

Schulautonomie?

Nun zu meinem Freund Bernd Schilcher. Ich bin nicht gegen die NMS, sondern gegen zentral von oben verordnete Strukturreformen, die, wie die Hattie-Metastudie zeigt, keine Wirkung haben, weil sie das Klassenzimmer und die Kultur einer Schule nie erreichen. Alleine die Tatsache, dass in der NMS in jedem Hauptgegenstand zwei Lehrer unterrichten müssen, ist ein eklatanter Widerspruch zur Schulautonomie. Wenn man einer Schule eine ihrem sozialen Umfeld entsprechende höhere Anzahl von Lehrern zuteilt, wofür ich sehr bin, dann soll der Direktor entscheiden, ob diese mehr in die völlig vernachlässigte Beziehungsarbeit mit ihren Schülern investieren oder bestimmte Gegenstände intensiver unterrichten.

Völlige Chancengleichheit in einer Gesellschaft halte ich für eine Illusion, weil Kinder aus funktionierenden, gebildeten Familien immer einen Startvorteil haben werden. Das erreichbare Ziel, das sich ein Schulsystem setzen kann, lautet Chancengerechtigkeit. Dafür würde es reichen, ein Prinzip in unserer Verfassung zu verankern und es damit von jedem Bürger einklagbar zu machen: Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Talente in der Schule maximal gefördert werden.

Chancengleichheit

Zur Chancengerechtigkeit hat die NMS in ihrer derzeitigen Form leider nichts beigetragen. Die sehr bescheidenen Fortschritte, die man bei der Förderung von Kindern bildungsferner Schichten erreicht hat, stehen in keiner Relation zum Aufwand. Ein Beispiel: Im deklarierten Einwanderungsland Kanada sprechen die Kinder der Migranten nach dem Schulabschluss besser Englisch als die in Kanada geborenen Kinder. Davon sind wir in Österreich Lichtjahre entfernt.  Kanada erreicht diese Spitzenleistung mit deutlich weniger Geld pro Kind als Österreich.

Im wichtigsten Punkt stimme ich mit Bernd Schilcher völlig überein: Wer über mehr Bildung verfügt, wird seltener gekündigt, verdient mehr und zahlt daher höhere Steuern, ist in geringer Gefahr, kriminell zu werden, wird seltener krank und lebt deutlich länger. Diesen Bildungsreichtum vererbt er mit hoher Wahrscheinlichkeit an seine Kinder. So einfach ist das. Trotzdem leugnet die Politik in Österreich diese eindeutigen Zusammenhänge und versucht, den Absturz unseres Bildungssystems schönzureden. Die Sozial- und Gesundheitskosten werden explodieren, weil man jeden fünften jungen Menschen in den neun Jahren Schule völlig vernachlässigt, um ihn danach 60 Jahre erhalten zu müssen. Das ist ziemlich dumm.

Ich werde mich daher auch in Zukunft nicht am "Dreißigjährigen Krieg" um die Gesamtschule beteiligen, sondern für die entscheidenden Elemente jeder erfolgreichen Schulreform kämpfen, die dringend sind: Lehrerauswahl, Lehrerfortbildung, Unterrichtsqualität, unabhängige Direktoren und eine echte Schulautonomie. (Leserkommentar, Andreas Salcher, derStandard.at, 5.2.2014)

Andreas Salcher ist ehemaliger Politiker der ÖVP, Mitbegründer der Sir-Karl-Popper-Schule, Berater und Buchautor. Dieser Text ist eine Antwort auf diesen Kommentar.

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