Prozess in Wien: Das leergeräumte Konto und das Hörgerät

6. Februar 2014, 08:43
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Ein 42-Jähriger soll im Umfeld seiner Scheidung das Konto seiner Frau geplündert haben. Sie habe alles gewusst, sagt der unbescholtene Mann

Wien - Richterin Ingrid Altmann macht ihren Job am Wiener Straflandesgericht schon ein paar Jahre. Und weiß daher, wie man die Belehrung eines Angeklagten in leicht fassbare Worte kleidet. "Einsicht tut immer gut. Ein Geständnis kann vielleicht weiterhelfen", sagt sie Franz B., der wegen Diebstahls hier ist. "Es gibt keines", wirft dessen Verteidiger ein. "Das ist schlecht", stellt Altmann fest.

Dem 42-Jährigen wird vorgeworfen, im Zuge der Scheidung mit der Bankomatkarte seiner Ex-Frau deren Konto geplündert zu haben, insgesamt 2800 Euro soll er ihr so gestohlen haben. Er leugnet, daher hält sein Rechtsvertreter das möglicherweise kürzeste Eröffnungsplädoyer der Rechtsgeschichte. In voller Länge lautet es: "Freispruch."

Scheidungsvertrag

Dreizehneinhalb Jahre sei man verheiratet gewesen, beginnt der Angeklagte zu erzählen, die gemeinsame Tochter ist zehn Jahre alt. Innerhalb von zwei Monaten zerbröselte die Ehe, am 10. Jänner 2013 kam die Scheidung. Ein Teil des Scheidungsvertrages: B. musste bis Monatsende die gemeinsame Mietwohnung verlassen.

"Sie hat gesagt, sie gibt mir 1000 Euro, damit ich mir neue Möbel und so kaufen kann", sagt der Koch. Warum er dann innerhalb weniger Tage vor und nach der Scheidung insgesamt 2800 Euro vom Konto seiner Frau abgehoben habe, fragt ihn die Richterin. "Das hat mir die Frau angeschafft." "Warum hat sie sich nicht selbst Geld geholt?", wundert sich Altmann. "Das war immer so, sie hat gesagt, sie ist unsicher und kennt sich nicht so aus."

Den Großteil der abgehobenen Beträge habe er daher ihr gegeben, nur die vereinbarten 1000 Euro behalten. Es zu stehlen hätte keinen Sinn gemacht - schließlich ging die Frau jeden Freitag zur Bank, um sich die Kontoauszüge zu holen. Da wäre ihr ein Minus sofort aufgefallen.

Zögerliche Zeugin

"Was können Sie mir erzählen?", interessiert sich Altmann, als die 38-jährige Michele B. auftritt. "Er hat mir das Konto leergeräumt!", empört sich die Zeugin sofort. Ob er schon davor mit ihrer Karte und Code für sie Geld abgehoben habe? "Ja, wie es noch im Guten war. Bis zwei Monate vor der Scheidung."

Bei der Befragung wird die Zeugin zögerlich. Wie oft sie am Freitag Kontoauszüge geholt hat, ob ihr nicht schon während des fraglichen Zeitraums aufgefallen sei, dass 800 Euro fehlen? "Das habe ich nicht bemerkt", sagt sie, obwohl sie auch Nachfragen zugeben muss, sich die Auszüge geholt zu haben.

"Haben Sie ihm die Bankomatkarte gegeben?", fragt die Richterin. Das behauptet nämlich der Angeklagte. "Nein, die muss er sich in der Nacht aus meiner Geldtasche geholt haben, da habe ich das Hörgerät heraußen." "Ist Ihnen irgendwann aufgefallen, dass sie am Morgen unordentlich drinnen gesteckt ist?" "Nein."

"Es steht Aussage gegen Aussage, und die Zeugin hat sich zum Teil widersprüchlich dargestellt", begründet Altmann schließlich ihren nicht rechtskräftigen Freispruch. Die Ex-Eheleute würdigen sich beim Verlassen des Saales keines Blickes. (Michael Möseneder, derStandard.at, 05.02.2014)

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