Prozess in Wien: Die Selbstjustiz des jungen Mobbingopfers

5. Februar 2014, 21:43
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Eine 19-Jährige soll in einem noblen Innenstadtgeschäft einer Kollegin, von der sie sich schikaniert fühlte, eine blutige Nase verpasst haben

Wien - Die Botschaft entsteht beim Empfänger, lautet ein Grundsatz der Kommunikationspsychologie. Ein Umstand, der eine Rolle dabei spielt, warum Katharina F. wegen Körperverletzung und gefährlicher Drohung vor Richterin Martina Frank sitzt. Die 19-Jährige hatte sich als Lehrling von Kolleginnen gemobbt gefühlt, die haben sie als aufsässig empfunden.

Die Geschichte spielt in einem traditionsreichen Textilgeschäft in Wiens Innenstadt. Auch dort sind Lehrjahre keine Herrenjahre, F. musste Regale schlichten und putzen. Auch im Stiegenhaus, wo die Angestellten Rauchpausen einlegten. "Frau O. hat dort immer neben den Aschenbecher geäschert", erzählt die junge Frau. Am 21. Mai stellte sie die Kollegin zur Rede. "Ich putz sicher nicht die Asche weg, Du sagst mir sicher nix" , war die Reaktion.

Ausgebliebene Standpauke

F. beschwerte sich bei der Chefin. "Die hat gesagt, ich soll es nicht mehr ansprechen und dass sie es noch heute regeln werde." Gemeinsam ging man zurück, F. hoffte auf die Standpauke - die nicht kam. "Da habe ich es nochmals angesprochen, worauf die Chefin mich am Arm gezogen hat und alle höhnisch gelacht haben."

Der Teenager fühlte sich gedemütigt - nicht zum ersten Mal. Besonders Frau W. habe es auf sie abgesehen gehabt. "Ich habe Höhenangst, das war auch bekannt." Daher wagte sie es beispielsweise nicht, ganz oben auf den Leitersprossen zu stehen, um die höchsten Regalfächer zu erreichen. "Mädl, gehst du ein bisschen weiter hinauf?", soll W. bei einer Gelegenheit dazu gesagt haben.

Am Tattag "habe ich die Nerven verloren". Die Angeklagte beschädigte ein Pult. Unabsichtlich, als sie die Chefin abschütteln wollte, sagt sie. Absichtlich, sagen die Zeuginnen. Die Chefin kündigte sie stante pede mit: "Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie."

Das wahre Gesicht

Minuten später meinte F. zu hören, wie Frau W. in der Garderobe zu einer Kollegin sagte: "Endlich sieht die Chefin, wie sie wirklich ist." Die Wut brach sich endgültig Bahn: "Ich bin nach hinten gelaufen und habe Frau W. gestoßen, dass sie umgefallen ist, und habe sie an den Haaren hochgezogen."

Ob auch ein Schlag dabei war, will Frank wissen. Schließlich blutete das Opfer danach ziemlich heftig aus der Nase. "Nein." Dass sie auch noch "Ich bring dich um, du Schlampe" geschrien habe, könne sein. Aber auch die Kontrahentin habe mit "Gschissene, ich zeig dich an" gekontert - und das in die Tat umgesetzt.

Die Zeuginnen belasten die Angeklagte: Die sei gelegentlich aggressiv geworden, habe "nicht stillschweigend ihre Arbeit erledigt".

Schmerzensgeld und Anti-Gewalt-Training

Für eine Verurteilung sieht Frank, nicht rechtskräftig, aber keinen Grund. F. bekommt eine Diversion, muss W. 500 Euro Schmerzensgeld zahlen und ein Anti-Gewalt-Training absolvieren. F. hat schon selbst Fortschritte gemacht. An der neuen Lehrstelle gibt es keine Probleme. Und wenn doch die Wut aufsteigt, "drehe ich mich um und gehe". (Michael Möseneder, DER STANDARD, 06.02.2014)

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