Traum und Albtraum vom Auswandern

Reportage5. Februar 2014, 05:30
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Nach der Arbeitsmarktöffnung in Österreich werden weitere Arbeitskräfte aus Rumänien abwandern, wo schon jetzt mehr Pensionisten als Erwerbstätige leben. Ein Besuch bei Zurückgelassenen und Weggehwilligen

Von seinem Bett aus hört Aurelian C. das Geschepper von Löffeln und Blechschüsseln. Heute gibt es Bohneneintopf im Nachtasyl von Timisoara, einer 320.000-Einwohner-Stadt im Westen Rumäniens. Zum Scheppern mischen sich Stimmen aus dem Fernseher im Nebenraum.

Etwa 20 Obdachlose folgen dort einem Actionfilm made in Hollywood. Mit Amerika verbindet der 70-Jährige, dessen ganzes Hab und Gut unter einen Kopfpolster passt, vor allem eines: dass seine Söhne dorthin ausgewandert sind. Alle beide. Die Wohnung in der Stadt und das Haus am Land hatte der ehemalige Lkw-Fahrer den beiden da bereits überschrieben. Seit Jahren hat der gehschwache Vater keinen Kontakt mehr zu seinen Kindern.

C. ist einer von abertausenden Zurückgelassenen. Rumäniens Bevölkerung schrumpfte seit Anfang der 1990er-Jahre um fast vier Millionen Menschen. 2,3 Millionen Rumänen arbeiten derzeit dauerhaft - also seit mehr als zwölf Monaten - im Ausland, Hunderttausende weitere sind zumindest mehrere Monate im Jahr außerhalb des Landes beschäftigt, darunter Saisonarbeiter und 24-Stunden-Betreuerinnen.

Wer arbeitet, kann davon oft nicht leben

In Österreich leben rund 70.000 Rumänen - Tendenz steigend: Laut einer Studie des Wiener Osteuropa-Institut WIIW und des IHS werden jährlich mehr als 4100 Personen aus Rumänien zuwandern, da der Arbeitsmarkt seit 1. Jänner für sie geöffnet ist (siehe Wissen unten). Das Gleiche gilt für die Bulgaren: Etwa 1400 von ihnen dürfte es laut Studie jedes Jahr nach Österreich ziehen.

Bei der Präsentation der österreichischen Arbeitslosenzahlen beschwichtigte Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) am Montag, die Liberalisierung des Arbeitsmarktes habe bei der Zahl der registrierten Arbeitslosen keine wesentlichen Veränderungen bewirkt. Genaue Zahlen liegen aber noch nicht auf dem Tisch.

Ohne Beschäftigung sind in der Stadt Timisoara laut Bürgermeister Nicolae Robu (Sozial-Liberale Union, SLU) nur 1,7 Prozent der Menschen. In ganz Rumänien liegt die Quote laut Wirtschaftskammer bei 5,8 Prozent. Doch wer arbeitet, kann vom Bruttolohn - im Schnitt liegt er bei 500 Euro - oft nicht leben.

Alte Männer mit Tränen in den Augen

"Vor allem gut qualifizierte Leute wandern ab", sagt Robu. "Dann, wenn sie der Gesellschaft etwas zurückgeben sollten, sind sie weg." Die wirklich große Auswanderungswelle werde aber nicht mehr kommen, meint der Bürgermeister. Diese sei schon in den Neunzigern erfolgt.

Das Gesundheitswesen hat ganz besonders stark mit der Abwanderung zu kämpfen. Ein Jungarzt verdient in Rumänien nur 200 bis 300 Euro. Lia Tepes ist Ärztin im bis zu 130 Menschen beherbergenden Nachtasyl der Stadt - das unter anderem durch Spenden der Caritas Österreich finanziert wird. Die 40-Jährige will nicht weg, kennt aber eine ganze Reihe Kollegen, die ausgewandert sind: nach Deutschland, Frankreich und Großbritannien, Kuwait und Schweden. Laut Schätzungen wird auch rund die Hälfte der neu ausgebildeten Krankenschwestern das Land verlassen.

Anders Szófia Bogdán. Die 26-Jährige versucht als mobile Hauskrankenschwester in Targu Mures täglich, die Wunden der alten Menschen, die zurückgelassen wurden, zu lindern. Manche Kinder dieser Leute leben nur im Nachbardorf, andere sind ins Ausland gezogen. Die junge Frau betritt Häuser, in denen der Ruß offenen Feuers in der Nase juckt, wo sich Geschirr stapelt und wo in wenigen Minuten das Erlebte der letzten Tage aus einem faltenumkreisten Mund sprudelt, während Bogdán offene Wunden abtupft und Verbände neu anlegt. Und wo es geschieht, dass alte Männer sich beim Verabschieden Tränen aus den Augenwinkeln wischen.

Zahl der Pensionisten steigt

Mobile Dienste wie dieser der Caritas sind in Rumänien noch eine Ausnahme. Dabei hat die Zahl der Pensionisten jene der Arbeitnehmer in Rumänien längst weit überstiegen. 1989 waren 2,9 Millionen Personen in Rumänien im Ruhestand, diese Zahl liegt inzwischen bei 5,4 Millionen. Diesen Menschen stehen im Durchschnitt umgerechnet knapp 180 Euro im Monat zur Verfügung.

Neben den Alten trifft es eine weitere Gruppe der Schwachen: Rund 82.000 Kinder in Rumänien sind elternlos - viele aufgrund der Arbeitsmigration. Sie leben auf der Straße, in Kinderheimen oder beim zurückgelassenen Elternteil, oft in ärmsten Verhältnissen.

Geld für Operation benötigt

Auch Lia D. hat ihre Kinder schon mehrmals in Rumänien zurückgelassen, um saisonweise in Österreich oder Deutschland zu arbeiten - zum Beispiel als Küchenhilfe in Chiemsee. D.s Tochter brauchte eine Operation. Die Kosten dafür hätte die Familie sonst nicht aufbringen können - zumal das Gesundheitssystem von Korruption durchsetzt ist. D. verdiente bei ihren Auslandseinsätzen je 1000 bis 1200 Euro im Monat - ein Vielfaches dessen, was sie in Rumänien bekommt.

Tania G. kann von so einem Einkommen nur träumen. Die 50-Jährige ist arbeitslos und musste vorübergehend "wegen familiärer Probleme" in einem Frauenhaus in Timisoara unterkommen. G. würde gerne im Ausland alte Menschen betreuen. Allerdings hat sie auch Bedenken: "Im Fernsehen heißt es oft, dass viele Menschen nur ausgenützt werden." Deutsch müsste G. auch erst lernen. Doch die Deutschkurse in Timisoara sind derzeit heillos überfüllt. (Gudrun Springer, DER STANDARD, 5.2.2014)


Wissen: Ein paar Tausend mehr

Nach dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens am 1. Jänner 2007 öffneten zehn Länder (zum Beispiel Finnland und Schweden) sofort ihre Arbeitsmärkte. Sieben Staaten, darunter Österreich, Deutschland und Großbritannien, nutzten die für maximal sieben Jahre erlaubten Übergangsfristen voll aus und öffneten Arbeitnehmern der "neuen" EU-Länder Osteuropas erst am 1. Jänner 2014 den Arbeitsmarkt.

Einer Studie zufolge werden 5500 Rumänen und Bulgaren nach Österreich einwandern. Wie viele es im Jänner waren, weiß das Arbeitsmarktservice noch nicht. AMS-Chef Johannes Kopf schätzt, dass die Zahl der gemeldeten Arbeitnehmer aus beiden Ländern um ein paar Tausend gestiegen ist - vor allem wegen der Legalisierung von Personen, die bereits hier tätig waren. Auch selbstständig Tätige waren bereits im Land - etwa im Bereich der 24-Stunden-Betreuung, wo Rumänen hinter Slowaken die zweitgrößte Gruppe stellen. (red)


Anmerkung: Die Recherche-Reise wurde von der Caritas Österreich unterstützt

  • Im Nachtasyl von Timisoara leben Menschen, die von ihrer Familie im Stich gelassen wurden.
    foto: springer/der standard

    Im Nachtasyl von Timisoara leben Menschen, die von ihrer Familie im Stich gelassen wurden.

  • Viele Kollegen der Ärztin Lia Tepes sind ausgewandert: nach Schweden, Kuwait oder England.

    Viele Kollegen der Ärztin Lia Tepes sind ausgewandert: nach Schweden, Kuwait oder England.

  • In Rumänien verfügen die Bürger nur über einen Bruchteil des österreichischen Kaufkraftstandards.
    grafik: der standard

    In Rumänien verfügen die Bürger nur über einen Bruchteil des österreichischen Kaufkraftstandards.

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