Nicht die Neue Mittelschule enttäuscht

Kommentar der anderen4. Februar 2014, 18:21
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40 Jahre Stillstand im Kampf um Bildungsgerechtigkeit sind das Problem

"Enttäuschend" habe die Neue Mittelschule bei den jüngsten Testergebnissen in Englisch abgeschnitten, befand die Presse. Und Andreas Salcher teilte der Krone sogar mit: "Die Neue Mittelschule muss gestoppt werden."

Was war geschehen? Es hat sich herausgestellt, dass die 14-jährigen Schülerinnen der Hauptschulen (HS) und er Neuen Mittelschule (NMS) in Englisch schlechter sind als die Schülerinnen in den Gymnasien.

Der Punkte-Unterschied beträgt 120 bzw. 122. Was bedeutet das? Die Auswertung des jüngsten Pisa-Tests hat soeben wieder gezeigt, dass Österreich eines der Länder mit der größten Abhängigkeit der schulischen Ergebnisse von der sozialen Herkunft der Eltern ist. Hat der Vater nur einen Pflichtschulabschluss, so erreichen seine Kinder in Mathematik einen mittleren Punktewert von 441, im Lesen von 425 und in den Naturwissenschaften 432. Ist der Vater hingegen ein Hochschulabsolvent, lauten die Punktezahlen 545, 531 und 549. Somit liegen zwischen den Leistungen von Akademikerkindern und Kindern, deren Väter nur eine Pflichtschule besucht haben, 104, 106 und 117 Punkte.

Da Österreich zu den vier Ländern Europas gehört, wo die Kinder noch mit zehn Jahren fein säuberlich voneinander getrennt werden, setzen sich die AHS-Schülerinnen zu 78 Prozent aus Akademikerkindern zusammen, aber nur zu 21,7 Prozent aus Kindern von bildungsfernen Schichten. Die finden wir wiederum zu 83 Prozent (!) in HS und NMS, während dort gerade einmal 12,3 Prozent Akademikerkinder aufscheinen.

Jetzt muss man noch wissen, dass 104 bis 122 Punkte einen Unterschied von jeweils mehr als zwei Schuljahren bedeuten. Das ist gewaltig.

Dazu kommt, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten sehr wenig Unterstützung von zu Hause mitbringen. Das heißt im Fall "Englisch", dass die Eltern daheim mit ihren Kindern kaum Englisch sprechen oder sie in Feriencamps nach London und Malta schicken.

Schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass der Nachweis von Fertigkeiten, Kenntnissen und Wissen nicht alles ist. So hat natürlich niemand gefragt, ob die Jugendlichen in allen drei Schultypen gelernt haben, mit Behinderungen, anderen Kulturen und Religionen umzugehen, ob sie "teamfähig" sind und einander solidarisch unterstützen. Ebenso wenig wissen wir nach dem Englischtest über die individuelle Begabungsförderung Bescheid, vor allem auch bei den haptischen, musischen oder sportlichen Gegenständen. Dasselbe gilt für die sozialen Kompetenzen.

Bevor du die NMS stoppst, lieber Andreas, sollten wir das alles klären. Und vor allem auch die Frage, warum keine der beiden Regierungsparteien in den letzten 40 Jahren irgendetwas zum Abbau der sozialen Stände- und Klassenbildung in unserem Bildungswesen getan hat. Im Gegenteil: So schlecht wie heute war es noch nie. (Bernd Schilcher, DER STANDARD, 5.2.2014)

Bernd Schilcher (73) war Uni-Professor in Graz, ÖVP-Klubobmann im steirischen Landtag und Präsident des steirischen Landesschulrats. Er ist Mitinitiator des Bildungsvolksbegehrens.

  • Schilcher: "Noch nie so schlecht wie heute."
    foto: standard/cremer

    Schilcher: "Noch nie so schlecht wie heute."

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