Wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter austricksen

4. Februar 2014, 18:14
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Die steirische Arbeiterkammer warnt: Mehr Fälle von Arbeitnehmern, die um Stunden und um ihr Geld umfallen

Wien/Graz - "Wenn das Wasser bis zum Hals steht, steigt die kriminelle Energie", sagt Wolfgang Nagelschmied, Leiter der Arbeitsrechtsabteilung der Arbeiterkammer Steiermark. Konkret meint der Jurist die kriminelle Energie von Unternehmern, die wirtschaftlich in Schwierigkeiten stecken. Die Fälle von Arbeitnehmern, die die Arbeitskammer konsultieren, weil sie von ihren Chefs um Geld oder Arbeitszeiten betrogen wurden, häufen sich.

"Im Vorjahr haben wir einen Anstieg von zehn bis fünfzehn Prozent verzeichnet", sagt Nagelschmied. Vor allem im Baugewerbe, Gastgewerbe und in der Güterbeförderung, aber auch im Handel gibt es Tricks, die offenbar System haben, meint Nagelschmied: "Es sind vor allem Klein- und Mittelbetriebe, die keinen Betriebsrat haben." Die Kreativität mancher Chefs sei dabei groß und reiche von nachträglich hinzugefügten Nullstellen bei von Arbeitnehmern unterschriebenen Wechseln bis zur "doppelten Buchhaltung beim Stundenschreiben", wobei sich die für das Arbeitsinspektorat festgehaltenen deutlich von den tatsächlich geleisteten unterscheiden können.

Unterschrift nie ohne Kopie

Nagelschmied appelliert an alle Dienstnehmer, "niemals irgendetwas zu unterschreiben, ohne sich eine Kopie davon geben zu lassen". Denn zu beweisen, dass etwas später hinzugefügt wurde, etwa eine Befristung für einen Vertrag oder eben ein anderer Betrag, sei mit "kriminologisch hoch komplizierten Verfahren bzw. sehr teuren Gutachten verbunden".

In einem "besonders brutalen Fall" habe jüngst ein Bauunternehmer bei über 70 Mitarbeitern versucht, ihnen Lohnzahlungen vorzuenthalten, erzählt Nagelschmied. Das Glück der Arbeiter sei gewesen, dass sie so viele waren und man das System dahinter erkannte. Der Unternehmer hatte ihnen nämlich etwa 100 Euro ausgezahlt, sie dann einen Wechsel unterzeichnen lassen "und sobald die draußen waren, einfach eine Null hinten drangehängt". Als die Arbeiter ihren Lohn forderten, behauptete der Chef dann, "er habe ihnen eh schon tausende Euro ausbezahlt". Die Arbeiterkammer zeigte den Mann schließlich bei der Staatsanwaltschaft an.

Seitens der Arbeiterkammer Wien konnte man einen so markanten Trend in letzter Zeit nicht beobachten.

Auffällig seien hier in der Beratungsstelle in letzter Zeit nur einige Fälle von Mitarbeitern von Personalverleihfirmen, die kamen, weil man sie pauschal Einvernehmlichkeitserklärungen unterschreiben ließ, aufgrund derer man im Krankenstand den Lohn nicht fortzahlte. "Aber auch das ist mittlerweile schon wieder rückläufig", betont ein Sprecher der Wiener Arbeiterkammer auf Nachfrage des Standard. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 5.2.2014)

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