Auf der Suche nach dem Urlaubsalgorithmus

5. Februar 2014, 21:22
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Computerwissenschafter und Touristiker wollen dank Web und Social Media kurzfristige Reisetrends erkennen

"Fahren wir übers Wochenende weg? Skifahren, Therme oder Last-Minute-Städtetrip? Jemand hat auf Facebook gepostet, dass es gerade billige Flüge nach Barcelona gibt." So oder zumindest so ähnlich kommen immer mehr Urlaubsreisen zustande: spontan und inspiriert durch Angebote und Trends, die auf einschlägigen Internetportalen und in sozialen Netzwerken kolportiert werden.

Die Tourismusbetriebe und -organisationen müssen lernen, mit dem Tempo Schritt zu halten, das ihnen ihre Kunden dank der verbesserten Kommunikationsmöglichkeiten im Netz vorlegen. Aber woher soll man wissen, welche Angebote gerade gefragt sind? Welche Marketingmaßnahme, welche Positionierung trifft den Geschmack einer Zielgruppe - in diesem Monat?

Für Computerwissenschafter Mario Pichler vom Software Competence Center Hagenberg (SCCH) liegt es auf der Hand, dass sich auch Touristiker an den Informationen im Netz bedienen sollten, um sie zu einer Grundlage ihrer Entscheidungen zu machen - und zwar systematisch. Als Leiter des Projekts "insight-Tourism" versucht Pichler gemeinsam mit seinem Team relevante Datenströme im Web anzuzapfen. Aus der Kombination der Faktoren, die herausgefiltert werden können, sollen sich brauchbare Erkenntnisse ableiten lassen.

Am Ende des zweijährigen, vom Wirtschaftsministerium und von der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) unterstützten Projekts soll ein ausgearbeitetes "Wissensmodell" stehen, so Pichler: ein "Faktorennetzwerk", das die Zusammenhänge jener Mechanismen abbildet, die hinter Erfolg oder Misserfolg eines Ski- oder Badeorts stehen. "Wenn ich einen Parameter verändere, soll sich im fertigen Modell zeigen, welche Auswirkungen das auf andere Faktoren hat."

Möchte man sich mit einer Destination etwa verstärkt an junge Zielgruppen richten und überlegt vielleicht den Aufbau eines Fun-Parks samt Trampolin, Kletterwand und Riesenrutsche, könnte das System abbilden, welche Auswirkungen die Investitionen auf andere Bereiche haben - vielleicht auf den nötigen Ausbau der Infrastruktur, auf Zimmerpreise oder Werbekanäle, die es zu bespielen gilt. Ist es besser, die Zielgruppe mit einem Youtube-Kanal, Facebook-Werbung oder einem Foto-Blog anzusprechen?

Die relevanten Einflussfaktoren gilt es aber erst einmal zu finden. Mithilfe von Datamining-Verfahren sollen sie identifiziert und danach miteinander in Beziehung gebracht werden. Dazu werden etwa die Meinungen von Usern zu Hotels, Destinationen und Aktivitäten auf Facebook, Twitter oder auf Bewertungsplattformen mittels Begriffskatalogen ermittelt. Genauso berücksichtigt werden Zugriffsstatistiken auf touristische Webangebote oder Buchungszahlen.

Anhand spezieller Algorithmen aus dem Bereich des maschinellen Lernens sollen Gesetzmäßigkeiten abgeleitet werden. Ein mit den Projektergebnissen gefüttertes Softwarewerkzeug soll helfen, Tourismusszenarien zu analysieren und kurzfristige standortbezogene Trends abzuleiten - Trends, die die großflächigen, jährlichen Tourismusstatistiken, die auf konventionelle Reiseplanungen ausgerichtet sind, nicht mehr wiedergeben können.

"Der klassische Fall, bei dem die Urlauber noch im Winter für den Sommer buchen, kommt immer seltener vor", sagt Pichler. In Zukunft werden die neuen Web-Tools dazu beitragen, die Mediennutzung für bestimmte Destinationen zu optimieren und die Entscheidungsgrundlagen für Investitionen zu verbessern.

Obergurgler Web-Panorama

Als eine der ersten touristischen Einrichtungen soll das Hotel "Edelweiss und Gurgl", Projektpartner im Wintersportort Obergurgl in Tirol, von der maschinellen Internet-Trendanalyse profitieren. Ein erster Schritt wird etwa sein, den Einfluss opulenter optischer Aufbereitung auf die tatsächlichen Buchungen über die Homepage zu eruieren, erklärt Mario Pichler. Die Forscher wollen sich im Detail ansehen, welche Werbe-Wirkmächtigkeit etwa Livebilder oder 360-Grad-Panoramen als Teil des Online-Auftritts haben. (pum, DER STANDARD, 5.2.2014)

  • Auf- oder abwärts? Wohin die Reise geht, verraten Daten.
    foto: apa/barbara gindl

    Auf- oder abwärts? Wohin die Reise geht, verraten Daten.

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