Nazi-Forscher züchteten Malariamücken

4. Februar 2014, 18:15
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Ein wenig bekanntes Kapitel der NS-Forschung: Wissenschafter züchteten im KZ Dachau Mücken, die womöglich alliierte Truppen mit Malaria anstecken sollten

Es klingt nach einer schlechten Nazi-Schauergeschichte. Doch es gibt tatsächlich konkrete Anhaltspunkte, dass die Nationalsozialisten im Konzentrationslager Dachau ernsthaft daran forschten, wie man mit dem Malariaerreger infizierte Mücken als Kampfmittel einsetzen könnte. Weniger gut dokumentiert ist allerdings, ob sie in Italien tatsächlich zum Einsatz gekommen sind.

Ganz unbekannt ist das Projekt nicht, das auf die Initiative von Heinrich Himmler zurückgeht. Der Chef der SS und der Deutschen Polizei war auf seinen Dienstreisen 1941 und 1942 mit Klagen über Wanzenplagen und durch Läuse übertragene Typhuserkrankungen konfrontiert worden. Anfang 1942 ordnete er deshalb die dringende Gründung eines entomologischen Instituts im Rahmen der SS-Forschungsgemeinschaft Ahnenerbe an.

Dass man ein solches Institut tatsächlich im Konzentrationslager Dachau einrichtete, hatte der US-Historiker Michael Kater bereits vor fast 50 Jahren in seiner Dissertation "Das Ahnenerbe der SS" berichtet. Doch darüber hinaus war bis jetzt nicht allzu viel über das Institut bekannt.

Einige der Forschungslücken hat nun der deutsche Evolutionsbiologe Klaus Reinhardt (Universität Tübingen) in einem Artikel im Fachmagazin "Endeavour" geschlossen. So konnte er unter anderem auf Basis neuer Archivfunde in Berlin und München die komplizierte Suche nach dem Institutsdirektor rekonstruieren, bei der übrigens auch Paul Eduard Tratz eine wichtige Rolle spielte, der langjährige Leiter vom Haus der Natur in Salzburg.

Als Kandidat wurde unter anderem der Bienenforscher Karl von Frisch vorgeschlagen. "Doch seltsamerweise entschied man sich für einen weitaus weniger qualifizierten Zoologen", erklärt Reinhardt im Gespräch mit dem STANDARD. "Das hatte wohl mit dem Ämtergerangel innerhalb des NS-Systems zu tun." Schließlich fiel die Wahl auf Eduard May, der zwar ein Buch über Libellen verfasst hatte, sonst aber kaum Expertise mitbrachte.

Biowaffen-Forschungen

Was konkret trieben die Insektenforscher im KZ Dachau? Sie forschten vor allem nach neuen Pestiziden gegen Insekten. Reinhardt kann aber noch mit einigen weiteren Fakten aufwarten. "Aus den Versuchsprotokollen vom September 1944 geht eindeutig hervor, dass man an Mückenarten forschte, mit denen sich Malaria aktiv übertragen ließ." Damit ist klar, dass die Insekten offensiv als biologische Waffen eingesetzt werden sollten und nicht bloß zum Studium der Malaria dienten.

Kamen die Moskitos dann auch tatsächlich zum Einsatz? Reinhardt hat da seine Zweifel, nicht zuletzt aufgrund der unprofessionellen Infrastruktur in Dachau.

Es gibt aber auch Indizien, die dafür sprechen. Der Historiker Frank Snowden von der Yale University veröffentlichte bereits 2006 ein Buch mit dem Titel "The Conquest of Malaria in Italy". Darin präsentiert er Hinweise, dass der Entomologe Erich Martini, den auch Reinhardt nennt, deutsche Truppen anwies, im Marschland um Rom Mückenlarven mit dem Malariaerreger auszusetzen.

Die Beweise dafür sind umstritten. Wenn es so war, hat es nichts gebracht: Die Soldaten der alliierten Truppen hatten Malaria-Prophylaxe geschluckt. (Klaus Taschwer, DER STANDARD, 5.2.2014)

  • Insekten als biologische Waffen: Entomologen erforschten im Konzentrationslager Dachau, welche mit dem Malariaerreger infizierte Mückenart am besten für einen Einsatz geeignet ist.
    foto: cdc, university of notre dame, james gathany/ap/dapd

    Insekten als biologische Waffen: Entomologen erforschten im Konzentrationslager Dachau, welche mit dem Malariaerreger infizierte Mückenart am besten für einen Einsatz geeignet ist.

  • Heinrich Himmler förderte die Forschungen.
    foto: ap photo

    Heinrich Himmler förderte die Forschungen.

  • Eduard May, der Leiter des Instituts im KZ Dachau.
    foto: archiv

    Eduard May, der Leiter des Instituts im KZ Dachau.

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