Wann kommt die Studie, die zur Ideologie passt?

Kommentar der anderen4. Februar 2014, 17:50
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Die jüngsten Erhebungen der Bildungsstandards in Englisch belegen: Egal, wie gut die AHS bei Vergleichen und Tests auch abschneidet, sie wird dafür kritisiert. Oder ignoriert. Eine Polemik zur Bildungsdebatte

Berti Vogts, dem ehemaligen Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, wird der Satz zugeschrieben: "Wenn ich übers Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker: Nicht mal schwimmen kann er." So ähnlich geht es seit geraumer Zeit der österreichischen AHS. Sie kann bei Vergleichen und Tests noch so gute Ergebnisse erbringen, sie wird dafür kritisiert. Oder ignoriert, und das ist noch schlimmer.

Letztes Beispiel: die Ergebnisse der Bildungsstandards in Englisch. Die AHS hat im Durchschnitt um 120 Punkte mehr erreicht als die Hauptschule bzw. die mit Millionen gefütterte Neue Mittelschule. Wenn man diesen Abstand in Lernzeit umrechnet, dann sind das Jahre. Und wer kommt zu Wort, um das Ergebnis zu interpretieren? Die bekannten Experten, die seit Jahren alles kommentieren, was mit Bildung zu tun hat: pensionierte Direktorinnen, ehemalige Finanzminister und Buchautoren.

In den vergangenen Tagen wurde im Gegenzug kein einziger Direktor, keine einzige Direktorin aus jenen Schulen befragt, die erfolgreich abgeschnitten haben. Die den "Erwartungswert", der aus dem "Social Background" (© Stefan Hopmann, DER STANDARD, 3. 2.) ermittelt wird, übertroffen haben. Egal, aus welchem Schultyp diese Perlen kommen. Dabei lägen die Fragen doch auf der Hand: Was macht ihr eigentlich, dass ihr erfolgreich seid? Was sind denn die Antworten auf die konkreten Herausforderungen an eurem Standort? Die Antworten müssten interessant sein, weil sie offensichtlich wirksam waren. Interessiert aber in Wahrheit keinen, weil die Argumente vorgefertigt sind, weil die eigene Ideologie stimmen muss und die einzige Aufgabe, die bleibt, jene ist, die Ergebnisse so hinzubiegen, dass sie zu ebenjener Ideologie passen.

Man kann es bildlich erklären: Als Bode Miller vor zwei Wochen im ersten Training zur Abfahrt auf der Streif eine Fabelzeit in die Mausefalle zauberte, reagierten praktisch alle Trainer und Konkurrenten mit der Ankündigung, seine Linie im Video genau zu studieren. Österreichische Bildungsexperten hätten vermutlich Schneetreiben, das Wachs oder eine sich verändernde Piste als Erklärungen aus dem Hut gezaubert und in letzter Konsequenz versucht, Millers Start in der Abfahrt einfach zu verbieten.

Reinhard Kahl hat vor zehn Jahren seinen berühmten Film über innovative Schulen Treibhäuser der Zukunft genannt. Er porträtiert darin pädagogische Vorzeigeprojekte, die alle unterschiedlich sind, aber eines gemeinsam haben: Sie sind erfolgreich, und das trotz schwieriger, manchmal katastrophaler Ausgangsvoraussetzungen. Alle vorgestellten Schulen, häufig sogenannte soziale Brennpunktschulen (Social Background), reagieren individuell, standortbezogen auf jene Herausforderungen, die an sie gestellt werden. Sie lösen ihre Probleme, nicht die Probleme der anderen. Autonomie nennt man das.

In Österreich wird im Gegenzug versucht, alles zu nivellieren, alles über einen Kamm zu scheren, gleichzumachen. Statt der Treibhäuser wird heiße Luft produziert, Treibhausgas bestenfalls. Aber das ist nicht dasselbe. Als die Sozialdemokratie in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts erkannte, dass zu wenige Kinder aus einfachen Verhältnissen ins Gymnasium kamen, reagierte man mit einer Bildungsoffensive: Neue Gymnasien in fast allen Bezirkshauptstädten, Schülerfreifahrt, Gratisschulbuch. Motto: Wir müssen "unseren Kindern" auch einen Zugang zu guter Bildung ermöglichen.

Beste Ergebnisse

Die heutige Sozialdemokratie reagiert auf die gleiche Herausforderung damit, dass sie einen Kampf gegen jenen Schultyp führt, der nachweislich bei jeder Testung die besten Ergebnisse erbringt.

Um es noch einmal bildlich zu formulieren: In einer Sandkiste sitzen zwei Kinder. Eines ist mit Kübel und Schaufel ausgerüstet, das andere hat nichts. Kreisky hätte gefragt: Was müssen wir tun, damit das zweite Kind auch eine Schaufel und einen Kübel bekommt? Die heutige Lösung ist: Wenn wir dem ersten Kind auch die Schaufel wegnehmen, dann sind wieder beide Kinder gleich. Und alles wird gut.

Das Schlimmste ist, dass manche Bildungsexperten diesen Schwachsinn auch glauben. (Wilhelm Zillner, DER STANDARD, 5.2.2014)

Wilhelm Zillner (57) ist Direktor des BRG/Borg Kirchdorf an der Krems und Sprecher der AHS-Direktoren.

  • Zillner: "Hingebogene Ergebnisse."
    foto: standard/newald

    Zillner: "Hingebogene Ergebnisse."

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