EZB sucht nach Waffen gegen Deflations-Oger

4. Februar 2014, 17:29
55 Postings

Niedrige Inflation, kaum Kredite und ein Rückgang der Bilanz machen ein Einschreiten der EZB nötig, glauben Ökonomen

Frankfurt/Wien - Die Europäische Zentralbank schlägt sich bei ihrer zinspolitischen Sitzung am Montag mit einem Monster herum. Das Ungeheuer ist die Deflation, also ein Fallen des Preisniveaus. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, warnte jüngst vor dem "Deflations-Oger", der die Weltwirtschaft bedrohe. Sie warnt vor der Gefahr, dass fallende Preise die Tragfähigkeit von Schulden erschüttern. "Es bestehen erhebliche Deflationsrisiken", warnt Guntram Wolff, Leiter des Brüsseler Thinktank Bruegel, angesichts der jüngsten Zahlen zu den Konsumentenpreisen. Waren und Dienstleistungen sind im Jänner um 0,7 Prozent teurer gewesen als im Jahr davor - die niedrigste Teuerung seit dem Krisenjahr 2009 und deutlich unter dem offiziellen EZB-Ziel von zwei Prozent.

Während fallende Preise auf den ersten Blick eine Wohltat für die Konsumenten sind, hat langanhaltende Deflation oder niedrige Teuerung unangenehme Nebeneffekte: "Niedrige Inflation ist ein Risiko, weil die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen in Gefahr ist", warnt Wolff. Inflation entwertet Schulden mit der Zeit, doch niedrige Teuerung und noch niedrigeres Wachstum erschweren den Schuldendienst. Tatsächlich erwartet Wolff auch für die kommenden drei Jahre kaum Preisauftrieb, auch weil sich südeuropäische Länder mit Lohnkürzungen und Einsparungen wieder wettbewerbsfähig machen müssen. "Wenn selbst die Länder im Zentrum Europas mit niedrigen Inflationsraten herumdümpeln, ist die Anpassung unglaublich schwer, und das führt zu Deflation in der Peripherie", warnt der deutsche Ökonom Wolff.

Auch vom Geldmarkt gibt es kaum Rückenwind. Die Daten zur europäischen Geldmenge etwa zeigen, dass die Kreditvergabe an Unternehmen weiter drastisch zurückgeht. Die Banken selbst haben in den vergangenen Monaten viele der Hilfsgelder zurückgezahlt, die sie von der EZB im Rahmen der "Bazooka" erhalten haben. Die Bilanzsumme der EZB ist seit Jahresbeginn 2013 um 25 Prozent geschrumpft, um immerhin knapp 800 Milliarden Euro.

Am Donnerstag könnten die Frankfurter Währungshüter daher verschiedene Maßnahmen beschließen, um den Liquiditätsabfluss einzudämmen oder die Deflationsrisiken zu drosseln.

  • Zinssenkung Vereinzelt erwarten Analysten, etwa bei der der Deutschen Bank, einen Zinsschritt am Donnerstag. Allerdings dürfte eine Senkung von 0,25 Prozent auf noch weniger kaum Auswirkung auf die Realwirtschaft haben.
  • Kreditlockerung Die EZB könnte allerdings neue Maßnahmen vorstellen, um die Kreditvergabe in der Eurozone zu unterstützen. Da-zu zählt etwa die Lockerung von Sicherheitsstandards, zu denen die Zentralbank Wertpapiere als Pfand akzeptiert.
  • Geldflut Einige Ökonomen erwarten zudem neue "Bazookas", also langfristige Kredite für Europas Geschäftsbanken. "Es würde Sinn machen, wenn die EZB wieder mehr Liquidität in die Märkte hineinschiebt", sagt Wolff. Tatsächlich nehmen die Finanzmärkte eine solche Maßnahme bereits vorweg. So sind die kurzfristigen Zinsen bei Staatsanleihen zuletzt deutlich gesunken.
  • Bazooka mit Bedingung So wie die britische Bank of England könnten die Frankfurter Währungshüter auch Bedingungen an langfristige Kredite knüpfen. Dort erhalten Geldinstitute Zugang zu Liquidität, wenn sie mehr Kredite an die Realwirtschaft vergeben.
  • Ankaufprogramm "Wenn die EZB die Realwirtschaft erreichen will, muss sie private Assets kaufen", sagt Jacob Funk Kirkegaard, Ökonom am Peterson Institute for International Economics in Washington. Zuletzt hat EZB-Präsident Mario Draghi in Aussicht gestellt, dass die EZB auch Kreditbündel kaufen könnte. So könnte sie Unternehmensanleihen oder verbriefte Kredite kaufen und damit die Finanzierungsbedingungen für Firmen verbessern. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 5.2.2014)
  • Baustelle europäischer Geldmarkt: In den vergangenen Monaten ist die Liquidität deutlich zurückgegangen, gleichzeitig sind die Inflationszahlen deutlich unter dem Ziel der Europäischen Zentralbank.
    foto: apa

    Baustelle europäischer Geldmarkt: In den vergangenen Monaten ist die Liquidität deutlich zurückgegangen, gleichzeitig sind die Inflationszahlen deutlich unter dem Ziel der Europäischen Zentralbank.

Share if you care.