Requiem aus der Zukunft

5. Februar 2014, 18:11
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Der Schriftsteller Ilija Trojanow über "The King Arthur Seance - On Henry Purcell's Shoulders" von Helmut Jasbar

In einer berühmten Karikatur, die Mick Stevens für den New Yorker gezeichnet hat, ist eine desolate Landschaft zu sehen, darin nur ein alter Reifen, eine offene Blechdose und eine leere Flasche. Der Titel "Life without Mozart", könnte auch "Leben ohne Purcell" lauten.

Ein postapokalyptischer Erlösungstraum: Eine Schallplatte ist gefunden worden, eine Aufnahme von Purcells Oper "King Arthur" (vom Deller Consort). Von Untergang, Überleben und wiederaufflammender Hoffnung erzählt Becci, eine Art Anne Frank des 22. Jahrhunderts, mit der Stimme von Karl Markovics. Purcell groovt, klingt kraftvoll, unzerstörbar, voller Lebenslust und Zuversicht, Helmut Jasbar hingegen fächert vielfältige Klangschichten (die Streicher im Barock, die Bläser als Zwischentwitter, der zugespielte Synthesizer als Zerstörungselixier) zu einem Science-Fiction-Oratorium auf. Der Gegensatz ist deprimierend, denn Purcell entstammt der Epoche der Utopie, Jasbar dem Zeitalter der Dystopie. Die beiden ergänzen sich zu einem Soundtrack unserer Phantomschmerzen.

Karl Markovics leiht Becci die Stimme. Foto: APA/Herbert Pfarrhofer

Dystopien haben heutzutage Hochkonjunktur. Die Weltuntergangsindustrie floriert, so wie auch die Sicherheits- und die Vermögensverteidigungsindustrie. Es ist, als würde man auf der Titanic schon mal eiskaltes Wasser in die Nobelbadewanne einlassen, um sich reinzulegen.

Am Ende überwiegt die schmerzhafte Frage, wieso die Musik von Purcell bei Absolutismus und Katzenwäsche so viel optimistischer ausfällt als jene von Jasbar in Zeiten von Demokratie und Zentralheizung? Wäre dadurch bewiesen, dass der Geist über die Materie obsiegt, oder – postmoderner formuliert – die Neurosen über die Sozialversicherung?

Ein nachdenklich stimmender Abend, der anhand einer fiktiven Wiederentdeckung von Henry Purcell vermittelt, was für ein unglaubliches Geschenk seine Musik ist.

Highlight: Das Originalklangensemble Barucco sowie die Vertonung des Dylan Thomas Gedichts "And Death Shall Have No Dominion"

Coda: Nur im Theater an der Wien — Die Uraufführung fand im Bühnenbild von "I due Foscari" statt, eine weitere Zeitebene, eine gruselige Entsprechung. (Ilija Trojanow, derStandard.at, 5.2.2014)

  • Trojanows Operama
Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.
The King Arthur Seance - On Henry Purcell´s Shoulders von Helmut Jasbar. UraufführungTheater an der Wien, 17. Januar 2014
    bild: oliver schopf

    Trojanows Operama

    Unser gegenwärtiges Opernleben ist reichhaltig, aber ist es auch relevant? Auf subjektiv eigenwillige Weise, in einem literarischen Ton, wird Ilija Trojanow die Bedeutung des Musiktheaters heute anhand von aktuellen Aufführungen in Wien und anderswo unter die Lupe nehmen. Und sich immer wieder die Frage stellen, ob und wie sich unsere Zeit in den Inszenierungen widerspiegelt. Hintergrundberichte, Porträts und Interviews runden das Operama ab.

    The King Arthur Seance - On Henry Purcell´s Shoulders von Helmut Jasbar. Uraufführung
    Theater an der Wien,
    17. Januar 2014


  • >>> Audio-File: Helmut Jasbar "Frost"

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