William S. Burroughs: "Nationalisten, die über Tunten herziehen"

5. Februar 2014, 10:32
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Am 5. Februar 1914 wurde in St. Louis der Schriftsteller William S. Burroughs geboren. Der runde Geburtstag des mit vielen Klischees behafteten Autors, der in Wien Medizin studierte, wird weltweit begangen, unter anderem auch im Porgy & Bess

Wien - Heute vor 100 Jahren wurde in St. Louis William Seward Burroughs II. geboren. In New York wird im April ein einmonatiges Festival zu Ehren dieses Schriftstellers, der vielen als einer der einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts gilt, ausgerichtet. Mit Ausstellungen, Konzerten, Film-Screenings, im Zuge derer u. a. John Zorn, Laurie Anderson, Lydia Lunch oder Steve Buscemi auftreten. Und im marokkanischen Tanger, jenem Ort, an dem Ende der 1950er-Jahre Burroughs' Meisterwerk Naked Lunch entstand, findet im November ein Kongress des European Beat Studies Network statt.

Dazu kommen unzählige Veranstaltungen, die heute zum runden Geburtstag des Schriftstellers weltweit über die Bühne gehen. In Wien tritt im Porgy & Bess die Jazzcombo "Interzone" auf - benannt nach der internationalen Zone von Tanger, einem der Schauplätze des Romanes Naked Lunch. Burroughs verarbeitet in dem Roman, dem auch die gleichnamige Kärnter Band ihren Namen verdankt, seine schlimmsten Erfahrungen und Visionen einer albtraumhaften Welt.

Ansonsten scheint die Bedeutung von Burroughs an Österreich bislang vorbeigegangen zu sein - obwohl es Berührungspunkte gäbe. Das beginnt bereits 1936, als sich der junge Harvard-Absolvent dazu entschließt, ein Medizinstudium an der Universität Wien zu beginnen. Dieses bricht er zwar nach zwei Semestern wieder ab, um nach New York zurückzukehren, wo er 1943 den zukünftigen Schriftstellerkollegen und Freunden Allen Ginsberg und Jack Kerouac begegnet, die in den 1950ern den Begriff "Beat Generation" prägen und sich später um die Veröffentlichung von Burroughs' Texten bemühen sollten.

Von seinem Aufenthalt in Wien nimmt Burroughs jedoch einiges an Eindrücken mit, die er in sein Werk einfließen lässt. Bereits im ersten Roman Junkie (1953) widmet er ein ganzes (später wieder gestrichenes) Kapitel der Orgon-Theorie des österreichischen Psychoanalytikers Wilhelm Reich, der 1934 auf Einwirkung seines Kontrahenten Freud aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen wurde und in die USA emigrierte, wo ihn als Kommunist kein besseres Schicksal erwartete. Im Essay Freud und das Unbewusste kritisiert Burroughs, dass Freud nie die bürgerliche, kapitalistische Ethik hinterfragte, die jene psychischen Störungen überhaupt erst hervorbrachte, die er erforschte.

Burroughs wird auch Zeuge der Demonstrationen und Anschläge im Wien kurz vor dem Anschluss. Die Zeitungen waren voll antisemitischer Hysterie, die Studienkollegen allesamt Nazis, und während eines Ausflugs nach Salzburg geriet Burroughs in einen Braunhemden-Aufmarsch.

Deutsche Ärzte

Auch in Naked Lunch finden sich Spuren des Wiener Jahres. Es wimmelt im Buch von "Nationalisten, die über Tunten herziehen", die vielen darin vorkommenden Ärzte sind allesamt Deutsche (die Burroughs wohl zu Recht nicht von Österreichern unterschied), tragen Namen wie Rindfest und bestellen "Schnapps" bei ihrer Assistentin Frau Underschnitt. Sätze wie die folgenden trugen dem Autor zudem den Ruf ein, der größte Satiriker seit Jonathan Swift zu sein: "Ich habe Neurologie bei Professor Fingerbottom in Wien studiert ... Hat ein schreckliches Ende genommen ... Saß bei Duc de Ventre in dessen Hispano-Suiza, da rutschen ihm die Hämorrhoiden raus und wickelten sich um ein Hinterrad. Er wurde vollkommen ausgeweidet, und auf der Giraffenfell-Polsterung blieb nichts als eine leere Hülle sitzen ..." In der auf Naked Lunch folgenden Nova -Trilogie (1961-1967) radikalisiert Burroughs seinen Stil und setzt die mit Brion Gysin entwickelte Cut-up-Methode um, die der Literatur, die laut Burroughs der bildenden Kunst um 50 Jahre hinterherhinkte, zu einem großen Sprung nach vorne verhalf. Später kehrt der Autor zu linearerem Erzählen zurück. Denn wenn der Punkt erreicht ist, an dem kaum jemand imstande ist, das Werk eines Autors zu lesen, geht auch der Sinn des Experiments verloren. Das Alterswerk von Burroughs, darunter die meisterhafte Cities of the Red Night-Trilogie (1981-1987), gilt es noch zu entdecken.

Gegen Ende seines Lebens stand mehr die Figur Burroughs als seine Literatur im Mittelpunkt, wie auch in David Cronenbergs Verfilmung von Naked Lunch (1991) ersichtlich, die mehr mit der Biografie des Autors als mit dem Buch zu tun hat. Zum Freundeskreis zählen Warhol, Patti Smith und Lou Reed, er taucht in Gus van Sants Drugstore Cowboy und in einem Musikvideo der Band U2 auf, kollaboriert mit den Musikern Tom Waits und Kurt Cobain.

Über das festgefahrene Image des schwulen oder bisexuellen Junkies, der 1951 in Mexiko-Stadt seine Frau erschoss, kann andernorts massenhaft nachgelesen werden. William S. Burroughs starb 1997 im Alter von 83 Jahren auf seinem Alterssitz im ländlichen Lawrence, Kansas. Die Horrorszenarien, die er in seinen Büchern entwarf, werden heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, nach und nach zu Realität. (Thomas Antonic, DER STANDARD, 5.2.2014)

  • William S. Burroughs (1914-1997) im Jahr 1984.
    foto: apa/afp

    William S. Burroughs (1914-1997) im Jahr 1984.

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