In einer quadratischen Welt kreisen

4. Februar 2014, 17:21
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"Konkretisierung" heißt die der Künstlerin Roswitha Ennemoser gewidmete Retrospektive im Musa

Wien - Das Atelier war für Roswitha Ennemoser wie eine Insel. Ein Netzwerk brauchte und wollte sie nicht. Das schreibt Hermann Zschiegner über seine langjährige Lebenspartnerin. Nach spätestens einer halben Stunde seien ihr die meisten Begegnungen mit anderen Künstlern - wiewohl warmherzig und wortreich - genug gewesen, erzählt er.

2008 starb Ennemoser an den Folgen eines Gehirntumors, einen Monat zuvor hatte sie der Stadt Wien 700 ihrer Arbeiten vermacht, die beredt von intellektualistischer Zurückgezogenheit erzählen: geometrische Abstraktionen, akribisch durchsystematisierte Wahrnehmungs- und Materialstudien. Auf einer rigorosen Suche nach Struktur und absoluten Wahrheiten hatte Ennemoser unermüdlich rechte Winkel und Quadrate "umkreist", die ihr ein wohliges "Zwei-mal-zwei-ist-vier-Gefühl" bereiten konnten.

Die Artefakte dieser kompromisslosen Suche einer nahezu unbekannten Künstlerin sind jetzt im Musa (Museum Startgalerie Artothek) zu sehen. Konkretisierung lautet der Titel der von Sonja Gruber und Maris Liska kuratierten Retrospektive. Von frühen Naturstudien über "Millimeterpapier-Collagen" bis hin zu den höchst minimalistischen "Mauern" - rhythmisch strukturierten Kartonflächen - reicht die Auswahl. Als Beiträge zur konstruktiv-konkreten Kunst sind Ennemosers Arbeiten dabei fast weniger bestechend denn als Einladung zu einer psychologischen Spurensuche.

Zwei-mal-zwei-ist-vier-Gefühl

Geboren 1953 in Tirol, entschied sich Ennemoser nach dem Krebstod der Mutter 1977 für ein Kunststudium an der Wiener Akademie. Auf einem Bauplatz malte sie serielle Bilder von Büschen und Bäumen, die sie in weiterer Folge in Tuschezeichnungen übersetzte und in eine Art von "Notenschrift" (Liska) auflöste, um verborgene Strukturen zu entdecken. Diese Naturanalysen fungieren im Musa als Vorzeichen für eher unterkühlte Arrangements aus Würfeln und Quadern, Quadraten und Rechtecken.

Manche Exponate scheinen dabei Gegenständliches zu verbergen, nähern sich Naturformen an. Andere Arbeiten geben sich eher wie Resultate mathematischer Berechnungen. Spannungsvoll sind etwa die Bögen: sich chaotisch schlängelnde Schleifen aus länglichen Quadern, von denen nicht völlig klar ist, ob es sich um Rückstände einer Zerstörung, um seltsame Buchstaben oder Waffen handelt.

Nur an wenigen Stellen ist die grundierende Nüchternheit gebrochen. So zeigt Ennemoser etwa in Bewegungsstudien einen expressiven Pinselstrich, ihre kopflastige Arbeitsweise bleibt dabei allerdings immer dominant. Echte Leichtigkeit ist rar. In ihrer Lehmstudie Blinis (zur russischen Teigfladenkultur) blitzt Witz durch, dennoch bleibt eine gewisse Sperrigkeit. Dass Ennemoser eine hoch- bis überintellektuelle Künstlerin war, belegen auch ihre umfangreichen Schriften, die Teil der Schenkung waren.

Aus dem Rahmen fällt schließlich eine Serie von Fotos, die russische Häuschen zeigen. Im dokumentarisch-strengen Stil von Bernd und Hilla Becher fotografierte Ennemoser vom Abriss und von Grundstücksspekulation bedrohte Behausungen in der westrussischen Region Nischni Nowgorod. Tatsächlich war Russland eine große Liebe der Künstlerin.

Ennemoser trat nicht nur in künstlerischen Dialog mit Malewitschs schwarzem Quadrat, mit Suprematismus und Konstruktivismus, sie reiste auch mehrfach nach Russland, etwa in die Stadt Dserschinsk, die in ihr Heimatgefühle auslöste: "An diesen Ort zieht es mich hin, als hätte ich dort meine Kindheit verbracht, wäre dort immer schon auf der Küchenbank gesessen. (Roman Gerold, DER STANDARD, 5.2.2014)

Bis 1. 3. 

Link

www.musa.at

  • Reduziert: Roswitha Ennemosers "white/yellow box II".
    foto: musa

    Reduziert: Roswitha Ennemosers "white/yellow box II".

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