Katie Mitchell: "Mir geht's um die Zahl der Pillen, die man schluckt"

Interview4. Februar 2014, 17:24
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Die britische Regisseurin Katie Mitchell inszeniert Peter Handkes "Wunschloses Unglück" im Kasino des Burgtheaters

Uraufführung ist am 9. Februar. Warum sie sich für Frauenfiguren interessiert und wie sie zu ihrer Videotechnik fand, erfuhr Margarete Affenzeller.

STANDARD: Handkes "Wunschloses Unglück" verhandelt auf ganz anti-sentimentale Weise einen Selbstmord. Wie war Ihre Empfindung beim Lesen?

Mitchell: Ich war mit Handkes Literatur ziemlich gut vertraut, kannte aber Wunschloses Unglück nicht. Als ich es las und zustimmte, es zu inszenieren, hatte ich noch nicht realisiert, was das bedeuten würde. Ich dachte, es ist der Bericht eines jungen Mannes, der versucht, mit dem Selbstmord seiner Mutter klarzukommen. Aber Wunschloses Unglück ist ein viel mächtigerer, politischer Roman. Es ist die forensische Untersuchung eines Selbstmords und die Schlussfolgerung, dass a) der Sohn stolz ist auf seine Mutter und b) sie ein exemplarisches Beispiel einer ganzen Generation ist, die in der sogenannten Blüte ihrer Jahre den Zweiten Weltkrieg erleben musste.

STANDARD: Sie übersetzen introvertierte Standpunkte bevorzugt mit einer technischen Bühnenmaschinerie. Wie hängt das zusammen?

Mitchell: Das ist so, wie wenn man ein kubistisches Gemälde von Picasso betrachtet und dabei all die verschiedenen Aspekte eines Gesichts simultan auf einer Ebene sichtbar werden. Natürlich zeigen wir hier eine empfindliche emotionale Reise, auf der wir diesen jungen Mann begleiten, wie er durch das Haus geht und nach Anhaltspunkten sucht, die mit ihrer Tat im Zusammenhang stehen. Aber zur gleichen Zeit sieht man die Gemachtheit dieser Realität. Ich mag die Idee des Ineinandergreifens von Konstruktion und Konstruieren. Freilich geht es auch um das Hervorkehren kleinster Details, um die Anzahl der Pillen, die die Mutter schluckt, um die Zahl der Windeln, die sie zuvor anlegt, die letzten Rechnungen in ihrer Geldbörse. Meine Filmtechnik ermöglicht es mir, genau diese Details zu vergrößern.

STANDARD: Sie fokussieren insbesondere das Gesicht.

Mitchell: Das Gesicht hat rund 200 Muskeln. Wenn die Kamera nah am Schauspielergesicht ist, muss der Akteur weniger machen als auf der Bühne, wo größere Gesten notwendig sind. Mir geht um die ganz kleinen Gesten.

STANDARD: In Österreich ist "Wunschloses Unglück" Lesestoff in Schulen. Ist diese Erzählung für Sie "österreichisch"?

Mitchell: Keine Ahnung. Dafür kenne ich das Land noch zu wenig. Der Anschluss und das Nichtaufarbeiten des Zweiten Weltkriegs sind jedenfalls heikle Themen in Österreich. Handke schreibt da mitten hinein: Was ist mit normalen Menschen passiert, mit einer Hausfrau aus Griffen. Sie hat sich umgebracht, und ihr Sohn ist stolz auf sie. Eines der wichtigsten Themen ist also: Wie hat die Generation der Mutter den Krieg erlebt, und was gibt sie ihren Kindern weiter.

STANDARD: Haben Sie auch vor Ort in Kärnten recherchiert?

Mitchell: Ja, mein Team war vor Ort in Griffen und hat das Haus besucht, um sich dort für die Ausstattung Anregungen zu holen.

STANDARD: Mit Friederike Mayröckers "Reise durch die Nacht" und Franz Xaver Kroetz' "Wunschkonzert" haben Sie ähnliche Themen verhandelt.

Mitchell: Ja, es sieht so aus, als würde ich mich auf die von Frauen erlittenen Tragödien spezialisieren. Einerseits: Irgendwer muss es ja machen! Andererseits: Wenn ich Macbeth, King Lear oder Hamlet inszeniert hätte, würde mich niemand fragen, warum ich mich jetzt für die von Männern erlittenen Tragödien interessiere.

STANDARD: Sie arbeiten viel im deutschsprachigen Raum und mit deutschsprachigen Schauspielern, Verstehen Sie Deutsch?

Mitchell: Nein, leider. Aber auf der Probe habe ich das Skript in beiden Sprachen Seite an Seite liegen, verfolge jede Zeile und jede Kommasetzung. Sprache macht aber auch nur rund 40 Prozent von dem aus, was man am Theater wahrnimmt. Der Rest ist Tonfall, Körpersprache, Emotionen usw.

STANDARD: Sie haben das britische Theater stets als sehr konservativ und sentimental bezeichnet. Gibt es denn gar keine Neuerung?

Mitchell: Oh doch. Gerade jetzt ändert sich enorm viel. Weil alle Bosse der großen Londoner Häuser von einer neuen Generation abgelöst werden: Almeida Theatre, Royal Court, National Theatre. Diese neue Generation ist viel vorausdenkender und offener gegenüber europäischen Einflüssen.

STANDARD: Wie hat sich die neue Generation entwickelt?

Mitchell: Es ist so, als hätte der Würgegriff der konservativen Kräfte unwissentlich eine kulturelle Gegenbewegung generiert. Die deutschsprachige Theaterwelt ist eine Inspiration für die meisten seriösen britischen Theatermacher. Im Moment gibt es eine intensive kulturelle Versöhnung, mehr europäische Identität, mehr Experiment. Es ist eine gute Zeit.

STANDARD: Wie haben Sie eigentlich zu Ihrer Videotechnik gefunden?

Mitchell: Das war, als mich das National Theatre auf Virginia Woolfs Die Wellen angesetzt hatte, eine schwierige, mehrschichtige Prosa. Ich habe nach einer adäquaten Form gesucht, diesen Text zu kommunizieren, und Video hat mir die Möglichkeit gegeben. Das Theater selbst mochte das aber nicht, die haben das als "one trick pony" bezeichnet.

STANDARD: Haben Sie generell nach neuen Formen gesucht?

Mitchell: Ich hatte genug von der Linearität. Erfahrung und Wahrnehmung sind doch auch nicht linear. Der Mainstream des patriarchalen, linearen Narrativs in Großbritannien ist aber nach wie vor ungebrochen. Meine Kultur und ich sind da in entgegengesetzte Richtungen gegangen. Und sie ärgern sich deswegen über mich. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 5.2.2014)

Katie Mitchell (49) ist eine der renommiertesten britischen Theater- und Opernregisseurinnen und in ganz Europa tätig. Ihre Kölner Inszenierung von Friederike Mayröckers "Reise durch die Nacht" erhielt im Vorjahr den Nestroy-Preis für die beste deutschsprachige Aufführung. Im Sommer inszeniert sie bei den Salzburger Festspielen "The Forbidden Zone", ein Projekt über den Ersten Weltkrieg bzw. die Figur der aus Breslau stammenden heldenhaften Chemikerin Clara Immerwahr.

  • Katie Mitchell strengt eine forensische Untersuchung an: mit Handkes "Wunschloses Unglück", bearbeitet von Duncan Macmillan.
    foto: apa/werner

    Katie Mitchell strengt eine forensische Untersuchung an: mit Handkes "Wunschloses Unglück", bearbeitet von Duncan Macmillan.

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