Mexikanischer Fischer schildert 14-monatige Odyssee auf hoher See

4. Februar 2014, 18:16
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Es klingt nach einem Hollywoodfilm: Ein Fischer aus Salvador überlebte angeblich 14 Monate lang als Schiffbrüchiger im Pazifik. An seiner Geschichte mehren sich Zweifel. Doch Erklärungen, wie er sonst an das Ebon-Atoll gespült werden konnte, fehlen

Majuro/Puebla - Kann man ein Jahr lang in einer Nussschale im Pazifik überleben und dabei 12.500 Kilometer zurücklegen? Anscheinend, wie das an den Film Life of Pi erinnernde Abenteuer von José Salvador Alvarengo zeigt - allerdings ohne Tiger an Bord.

Gestützt von einem Krankenpfleger ging der 37-Jährige am vergangenen Sonntag in Majuro an Land, der Hauptstadt der Marshallinseln. Der beige Pulli viel zu groß, der rote Zottelbart zerzaust, in einer Hand eine Getränkedose, die andere winkte in die Kameras. Eine frappierende Ähnlichkeit mit Tom Hanks als Hauptdarsteller des Films Cast Away.

Rund tausend Neugierige waren gekommen, um zu sehen, wen die Marine da mitbrachte. Denn da war seine Geschichte schon publik geworden.

Am Donnerstag hatten ihn Fischer am Strand gefunden. Sein Motor hatte keine Schiffsschraube mehr, es gab weder eine Angel noch Fischernetze an Bord, dafür aber eine Schildkröte. Beim Anblick seiner Retter rief der Schiffbrüchige "Mein Gott" und verlangte nach Brot. Die Retter sprachen aber nur englisch und verstanden kein Wort von dem, was der verwilderte Mann mit der zerrissenen Short, den kaputten Knien und den langen, verfilzten Haaren stammelte, deshalb schleppten sie ihn zur Bürgermeisterin Ione de Brum. Die verständigte sich mit dem Fremden per Handzeichen und Zeichnungen.

US-Botschafter übersetzte

Nachdem sie ungefähr erahnt hatte, worum es ging, verständigte sie die Behörden in der Inselhauptstadt. Die Angelegenheit landete schließlich beim US-Botschafter Thomas Armbruster, der Spanisch sprach und als Übersetzer einsprang. Die Geschichte, die der Schiffbrüchige erzählte, wurde folgendermaßen überliefert:

José Salvador Alvarengo stammt demnach aus El Salvador, lebte aber schon seit 15 Jahren als Krabbenfischer in Tapachula, einer Stadt im Süden Mexikos an der Grenze zu Guatemala. Am 21. Dezember 2012 - dem Tag, an dem die Mayas das Ende der Welt erwarteten - sei er zusammen mit einem Freund namens Ezequiel in einem 7,3 Meter langen Fischerboot in See gestochen, um Haifische zu fangen.

Unwetter und starker Wind hätten das Boot aber abgetrieben - die historischen Wetterdaten verzeichnen an diesen Weihnachtstagen jedoch ruhiges, sonniges Wetter im Südpazifik. Allerdings gibt es in dieser Gegend eine starke Westströmung. Sein Kompagnon, der Alvarengo zufolge zwischen 15 und 18 Jahre alt war, sei nach vier Monaten verhungert. "Da war ich sehr deprimiert und wollte mich umbringen", sagte er der Inselzeitung Telegraph. Dazu sei er aber nicht in der Lage gewesen.

"Ich war in seinen Händen"

Er selbst habe überlebt, weil er Regenwasser aufgefangen, seinen Urin und Blut von Meeresschildkröten getrunken habe. Um nicht zu verhungern, habe er mit bloßen Händen Fische und Vögel gefangen und diese roh verspeist, erzählte er. "Auch wenn es unglaubwürdig klingt, habe ich mithilfe Gottes überlebt. Ich war in seinen Händen, deshalb hatte ich keine Angst", erzählte Alvarenga. "Ich habe das Gefühl für Zeit und Raum völlig verloren. Um mich herum war nur Wasser."

Nachdem er am Montag einem Gesundheitscheck unterzogen wurde, wollte ihn die Polizei der Marshallinseln nochmals vernehmen. "Er sieht besser aus, als ich das unter diesen Umständen erwartet hätte", kommentierte Armbruster. "Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie jemand so lange auf hoher See überlebt. Andererseits ist auch nicht zu erklären, wie man sonst auf das Ebon-Atoll kommt."

Bürgermeisterin Brum erklärte, die Inselbewohner hätten ihm Kleider, Essen und Insektenschutzmittel gegeben. Armbruster versuchte derweil, auf diplomatischem Weg Angehörige ausfindig zu machen und seinen legalen Status in Mexiko abzuklären, um die Rückführung des Schiffbrüchigen zu ermöglichen.

Gerade im Pazifik kommt es öfter zu solch abenteuerlichen Schiffbrüchen: Im August 2005 wurden drei mexikanische Fischer von starken Strömungen abgetrieben, nachdem ihr Benzin ausgegangen und der Motor ausgefallen war. Neun Monate später wurden sie von einem taiwanesischen Tunfischboot vor den Marshallinseln aufgefischt. Auch sie überlebten, indem sie rohe Fische und Vögel aßen und Regenwasser auffingen. 1992 überlebten zwei Fischer aus Kiribati 177 Tage auf hoher See, bevor sie in Samoa an Land getrieben wurden. (Sandra Weiss, DER STANDARD, 5.2.2014)

  • Jose Salvador Alvarenga am Montag beim Verlassen eines Schiffes in Majuro auf den Marshallinseln.
    foto: ap photo/marshall island journal

    Jose Salvador Alvarenga am Montag beim Verlassen eines Schiffes in Majuro auf den Marshallinseln.

  • "Cast Away" im echten Leben?
    foto: ap photo/foreign affairs department the marshall islands, gee bing

    "Cast Away" im echten Leben?

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