Exportschlager bekommt einen Kratzer ab

3. Februar 2014, 18:26
10 Postings

Die Zahl der Arbeitslosen in Österreich steigt stark an. Neben Älteren sind vor allem Migranten und schlecht Ausgebildete betroffen

Wien - Seitdem die Arbeitslosenzahlen in Europa explodiert sind, und besonders die Jungen kaum noch brauchbare Jobs finden, ist die duale Ausbildung in Österreich zum Exportschlager geworden. Spitzenpolitiker aus Frankreich, Tschechien und Italien erkundigten sich in Wien öfters, wie denn das mit der Lehre, mit der parallel schulischen und betrieblichen Ausbildung, so funktioniert.

Doch neue Zahlen aus Österreich zeigen, dass am heimischen Lehrstellenmarkt vieles nicht mehr rund läuft. Immer mehr Jugendliche finden keine geeignete Lehrstelle in Betrieben. Die Zahl der freien Stellen ist im Jänner im Vorjahresvergleich um 15 Prozent eingebrochen, wie aus der am Montag veröffentlichten Statistik des Arbeitsmarktservice (AMS) hervorgeht. Zeitgleich ist die Zahl der interessierten Jugendlichen gestiegen. 2500 freie Lehrstellen gibt es derzeit bei etwas mehr als 5500 Lehrstellensuchenden.

Der Trend ist nicht ganz neu, auch 2013 ist die Zahl der Lehrstellen zurückgegangen, wenn auch nicht so stark. Deshalb wächst beim Gewerkschaftsbund ÖGB der Unmut: "Die Unternehmen ziehen sich aus der Lehrlingsausbildung zurück", sagt ÖGB-Bundesjugendsekretär Michael Trinko. So gab es noch 1980 in Österreich 194.000 Lehrstellen, inzwischen sind es weniger als 120.000. Zwar stehen die Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz im Betrieb finden, nicht auf der Straße. Das AMS bietet eine überbetriebliche Ausbildung an, die ebenfalls nach drei Jahren mit einem Lehrabschluss endet. "Aber die Unternehmen überantworten die Ausbildung dem Staat", sagt Trinko und ob die Qualität der Lehre bei immer geringerer Firmenbeteiligung erhalten werden kann, sei mehr als fraglich.

Auch AMS-Chef Johannes Kopf spricht davon, dass "Österreichs Exportschlager duale Ausbildung mit Problemen kämpft". Allerdings seien für die Entwicklung nicht allein Unternehmer verantwortlich, sagt Kopf. Unter den leistungsstarken Schülern würden sich immer mehr für eine kaufmännische Ausbildung oder ein Gymnasium entscheiden. Zugleich steigen die Anforderungen der Unternehmen an ihre Lehrlinge, weshalb viele keine geeigneten Lehrlinge finden.

Hinzu kommt, dass am Lehrstellenmarkt auch die schwache Konjunktur durchschlägt. Österreichweit ist die Zahl der Arbeitslosen im Jänner im Vorjahresvergleich erneut gestiegen: 369.837 Menschen sind derzeit arbeitslos gemeldet, das ist um 9,3 Prozent mehr als im Jänner 2013. Rechnet man die Schulungsteilnehmer hinzu, haben 450.000 Menschen im Land keinen Arbeitsplatz.

Keine Trendwende in Sicht

Den größten Anstieg der Arbeitslosigkeit verzeichnete man in Gesundheits- und Sozialberufen. Sie bekommen die öffentlichen Kürzungen zu spüren. Überproportional viele Jobs gingen auch im Handel verloren. Besonders betroffen waren Arbeitnehmer über 50 und Migranten. Ebenso ernüchternd: Die Zahl der schwer zu vermittelnden Langzeitarbeitslosen (über ein Jahr) stieg um 40 Prozent auf 8700 an.

Eine Trendwende ist nicht in Sicht: Wegen der schwachen Konjunktur und der steigenden Zahl an Arbeitssuchenden (Migranten und Ältere, die nicht in Pension können) rechnet das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenquote 2014 und einer Stagnation 2015.

Die Zahlen vom Montag mündeten auch in einen politischen Schlagabtausch. Der Bundesobmann der Freiheitlichen Arbeitnehmer Bernhard Rösch forderte, den "Import billiger Ostarbeitskräfte" zu stoppen, was vor allem ein Verweis auf die im Jänner erfolgte Arbeitsmarktöffnung für Bürger aus Rumänien und Bulgarien zu verstehen war. Dagegen betonte AMS-Chef Kopf, dass in den Jänner-Zahlen neue Beschäftigte aus Rumänien und Bulgarien noch nicht explizit erfasst sind. Kopf schätzt, dass die Zahl der gemeldeten Arbeitnehmer aus den beiden Ländern um ein paar Tausend angestiegen ist. "Wobei der größte Teil dieser Entwicklung auf die Legalisierung von bereits hier arbeitenden Bulgaren und Rumänen zurückzuführen ist." (szi, DER STANDARD, 4.2.2014)

  • Die Ausbildung zählt: Die Hälfte der vom AMS betreuten Arbeitslosen verfügt nur über einen Pflichtschulabschluss.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Die Ausbildung zählt: Die Hälfte der vom AMS betreuten Arbeitslosen verfügt nur über einen Pflichtschulabschluss.

  • Artikelbild
    grafik: standard
Share if you care.