Sotschi liegt mitten in Österreich

Kommentar3. Februar 2014, 19:04
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Demokraturen stampfen Olympia aus dem Boden, da frohlockt die Wirtschaft

Fünfzig Milliarden Dollar. Das olympische Spektakel, das am Freitag eröffnet wird, kostet mehr als alle vorherigen Winterspiele in Summe. Freilich wird sich Sotschi auch verändert haben wie noch keine Olympiastadt. Wo nichts war, musste alles entstehen. Zwangsweise waren infrastrukturelle Maßnahmen und Eingriffe in die Natur enorm.

Ob Sotschi profitiert, bleibt abzuwarten. Skepsis ist angesagt, es gibt zu viele Bilder von zu vielen Ruinen, die an zu vielen Olympiastätten blieben. Die Brutalität, mit der in Sotschi das Schicksal jener ignoriert wird, die Häuser und Wohnungen räumen mussten, Hab und Gut verloren, ist eine Schande für Russland - und für die olympische Bewegung.

Eine Schande auch für Österreich, wie manche meinen. Jedenfalls ein tolles Geschäft. Noch nie hat die heimische Wirtschaft so von Spielen profitiert. Hans Peter Haselsteiner zeichnet für einen guten Teil der Neubauten in Sotschi verantwortlich - für den Flughafen, das olympische Dorf und "Kleinigkeiten", wie er sagt. Doppelmayr, Weltmarktführer im Seilbahnbau, errichtet vierzig Anlagen in den Skigebieten. Wären 2007 die Spiele nicht an Sotschi, sondern an Salzburg vergeben worden, weite Teile der österreichischen Wirtschaft hätten weit weniger davon gehabt.

Auch deshalb ist die Forderung, heimische Politiker sollten den Spielen in Sotschi fernbleiben, gelinde gesagt hanebüchen. Wem würde es nützen, wenn Bundeskanzler Werner Faymann oder Sportminister Gerald Klug daheimbleiben? Dem Sport? Der Wirtschaft? Oder doch nur dem FPÖ-Chef, der in Sotschi mehr Beachtung fände, als ihm zusteht?

Benjamin Raich war als Fahnenträger ob seiner Verdienste gut zu argumentieren gewesen. Dass der Tiroler auf die Ehre zugunsten einer späteren Anreise verzichtet, steht auf einem anderen Blatt. Österreich wird sich wohl dennoch hüten, eine homosexuelle Sportlerin vorauszuschicken und Putin damit zu vergrämen. Skiverband-Präsident Peter Schröcksnadel verdient mit Werbung in Skigebieten weltweit sein Geld, ÖOC-Präsident Karl Stoss als Chef der Casinos, nebstbei Österreichs größter Sportsponsor, hat ebenfalls Interessen in Russland. Haselsteiner und Doppelmayr würden sich auch schön bedanken. Und Österreichs Sportler halten sich weitgehend an Schröcksnadels im Standard-Interview geäußerten Vorschlag - und verzichten auf politische Stellungnahmen.

Die Absagen der Herren Gauck, Hollande, Obama und Cameron sind ein Zeichen - und zwar für die Doppelmoral der Politik. Einerseits dealen sie mit Russland, andererseits zeigen sie Olympia die kalte Schulter. Dass die USA die Tennislegende Billie Jean King an die Delegationsspitze stellen, erinnert an Sandkastenspiele. Rückst du meinen Staatsfeind Snowden nicht heraus, schick ich dir eine Lesbe. Mit Wintersport hat eine Tennisspielerin so viel zu tun wie ein Skiverbandspräsident mit Sommersport.

Spiele in China oder Russland sind genauso sehr oder genauso wenig abzulehnen wie wirtschaftliche Engagements in diesen Ländern. Warum sollte just der Sport einen Bogen um Demokraturen machen? Entwickelte Demokratien sind kaum bereit, das finanzielle Risiko zu tragen. Barcelona, München, Stockholm und Graubünden zogen Bewerbungen für die Winterspiele 2022 zurück. Almaty (Kasachstan) ist noch im Rennen. Erhält es den Zuschlag, reibt Österreich sich wieder die Hände. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 04.02.2014)

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