Hunde zwischen Kuscheltier und Eintopf

Blog4. Februar 2014, 17:36
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Modisch aufgemascherlte Hunde und Hunde auf dem Teller - die Meinungen sind auch unter Koreanern höchst unterschiedlich

"So ein schönes Dorf, und diese Leute essen Hunde ..." So drückte ein Freund aus Deutschland seine Bestürzung über diese "kulinarische Unsitte" aus, doch dieser Satz hätte auch von einem Südkoreaner stammen können, denn dieses Thema ist auch hierzulande heiß umstritten.

Der konfuzianistische Philosoph Mengzi (370-290 v. Chr.) empfahl schon sehr früh die Vorzüge von Hundefleisch, und auch in der konfuzianistisch geprägten Joseon-Dynastie (1392-1910) wurde dieses Gericht nicht verschmäht. Heutzutage ist Hund in vielen Ländern Ost- und Südostasiens sehr beliebt, ich selbst habe zum ersten Mal in Kambodscha gekochtes Hundefleisch, mit Baumameisen garniert, gegessen.

Der Hund spaltet eine Nation

In Südkorea gibt es sehr viele Leute, die Hundefleisch verabscheuen und sich richtig davor ekeln. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Da Hunde in Südkorea nicht unter das Tierhaltungsgesetz fallen, sind sie von Tierhaltungs- und Transportvorschriften praktisch ausgenommen, was viele Leute dazu veranlasste, Hundefleisch verbieten lassen zu wollen. Eine gesetzliche Regelung würde der Massentierhaltung Einhalt gebieten.

Andere Leute sehen Hunde als Haustiere, als Freunde des Menschen, und würden sie niemals essen. Zwei Bekannte aus der Stadt Daegu, Minnu und Jihye, haben selbst einen kleinen Hund und lassen kein gutes Haar an dieser "Barbarei", wie sie es nennen. "Sanni ist unser Baby, unser Kind. Wir haben sogar einen kleinen hölzernen Kleiderschrank  für seine Kleider, und er schläft in der Nacht in unserem Bett. Ich kann Leute, die Hundefleisch essen nicht verstehen", erzählt Minnu. Schweigsam nicke ich und hoffe, nicht lügen zu müssen. Doch da ich ein westlicher Ausländer bin, fällt es ihm wahrscheinlich gar nicht ein, mich zu fragen, ob ich Hundefleisch esse.

Hundemode

Besonders in den Städten Südkoreas sieht man viele modische Hunde mit Mascherln in den Haaren und an den Ohren, mit bunten Kleidern inklusive Kopfbedeckung, sogar in traditioneller Nationaltracht, dem Hanbok. Hundefriseursalons und Hundegeschäfte, die angefangen von Kleidern über Spielsachen, Snacks und Bürsten bis zu Haarspangen alles verkaufen, was Hunde- und Besitzerherzen höher schlagen lässt, sind keine Seltenheit in Südkorea.

Doch dann gibt es auch Märkte, auf denen Hundefleisch angeboten wird. Ohne Fell liegen auf einem Markt in Busan mehr als 20 Hunde auf dem Rücken und warten auf Abnehmer, zumeist Restaurants, die diese nicht gerade billige Spezialität anbieten. Wer in der Stadt eine Hundefleischsuppe (Bo-sin-tang, was man als "Suppe, die den Körper gesund hält", übersetzen könnte), gegrilltes oder gekochtes Hundefleisch essen möchte, geht meistens in ein Restaurant, während ich im Nordosten Chinas in der Koreanischen Autonomen Provinz des Öfteren felllose tote Hunde an einem Haken gesehen habe, denen gewisse Teile, zum Beispiel die Haxe oder Rippen, herausgeschnitten wurden, da viele Leute zu Hause ihre eigene Hundefleischsuppe zubereiten. (Im Nordosten Chinas essen aber auch sehr viele Han-Chinesen Hundefleisch)

Hundezucht auf dem Land

In den ländlichen Gegenden Südkoreas züchten viele Leute zu Hause einen Hund, den sie dann an einen Abnehmer verkaufen, der die Hunde mit einem Kleinlaster abholt, auf dessen Ladefläche viele kleine Metallkäfige übereinandergestapelt sind, womit sie sich einen kleinen Nebenverdienst sichern. Nicht immer jedoch werden diese Hunde verkauft, sie werden auch für den eigenen Verzehr gehalten. Während die Hunde normalerweise von einem Metzger geschlachtet werden, bevorzugen viele Landbewohner die traditionelle Methode und hängen den Hund mit einem Strick um den Hals an einem Baum auf.

Mir ist aufgefallen, dass besonders viele Frauen Hundefleischgegner sind, auch meine Frau und meine Tochter sehen es nicht gerne, wenn ich mit Freunden in ein Hundefleischrestaurant gehe. Einige Leute bringen Hundefleisch mit männlichem Chauvinismus in Verbindung und lehnen den Verzehr von Hundefleisch aus diesem Grund ab. Ganz anders die Kobolde aus der koreanischen Mythologie, die Hundefleisch vorurteilsfrei und sehr gerne essen. Hundefleisch ist sogar eines der Lieblingsgerichte der Dokkaebi.

Gesundheitliche Wirkungen

Dass Hundefleisch gesundheitliche Wirkungen hat, darin sind sich Chinesen und Südkoreaner (Da ich kaum Erfahrung mit NordkoreanerInnen habe, muss hier eine Lücke bleiben.) einig, doch habe ich hierüber widersprüchliche Aussagen gehört. Während Chinesen meinen, Hundefleisch wärme den Körper und soll deshalb in den kalten Wintermonaten gegessen werden, schreiben Südkoreaner Hundefleisch eine kühlende Wirkung (in der chinesischen Medizin werden Speisen in warme und kalte Speisen unterteilt, dies hat nichts mit der Temperatur der zubereiteten Speisen zu tun;) zu und essen Hundefleisch an den drei heißesten Tagen im Jahr (Hier gewinnt das Wort Hundstage eine neue Bedeutungsdimension!).

An einem Sonntagnachmittag mache ich mich mit einer Fotokamera auf den Weg zu einem Hundefleischrestaurant. Das erste Restaurant, das ich aufsuche, hat geschlossen. Gerade als ich wieder in mein Auto einsteigen will, spricht mich ein älterer Herr an: "Sie wollten in das Hundefleischrestaurant? Ich habe ja nichts gegen Bo-sin-tang, aber in einem Sa-ha-chon (Dorf, das unterhalb eines Tempels liegt, Anm.) gehört sich das doch nicht."

Schilderverwirrung

Nickend steige ich ein und fahre weiter. In Inwol werde ich fündig, ein kleines Restaurant, das Bo-yang-tang und Chueotang (eine Fischsuppe) anbietet. Bo-yang-tang ist ein anderes Wort für Bo-sin-tang. Das "Yang" bedeutet einerseits Nährstoffe beziehungsweise nährstoffreich, andererseits steht es für das Yang in Yin-Yang und repräsentiert die männliche Kraft. Die freundliche Besitzerin erklärt mir den Unterschied folgendermaßen: "Viele Ausländer mögen keine Bo-sin-tang, deshalb haben wir auf unser Schild Bo-yang-tang geschrieben."

Das verstehe ich zwar nicht ganz, da das Schild auf Koreanisch beschrieben ist, aber ich frage nicht weiter nach. Bald darauf bekomme ich eine dampfende Bo-sin-tang mit Frühlingszwiebeln, Chili, Süßkartoffelstängeln, Ingwer, Porree, Zwiebeln und Sesam. Das Fleisch ist sehr weich, hat kaum Fett und schmeckt wie sehr weich gekochtes Schafsfleisch.

Hundezucht

Der Besitzer erzählte mir auf mein Nachfragen etwas von seiner Hundezucht: "Wir sind hier in Inwol die einzigen Hundezüchter. Wir betreiben hier ein Restaurant und verkaufen das Hundefleisch auch in Portionen, ein Geun (600 Gramm, Anm.) kostet 10.000 Won (umgerechnet sieben Euro, Anm.). Wir verwenden nur koreanische Hunde, da diese am besten schmecken. Geschlachtet werden die Hunde im Alter von ein bis zwei Jahren von einem Metzger."

Auf die Frage, ob Leute hier auch in früheren Zeiten Hundefleisch gegessen haben, antwortet er: "Ja, natürlich! Als ich jung war (er dürfte ungefähr 60 sein, Anm.) wurden die Tiere wie Rinder und Schweine von einem Magistratsbeamten gezählt, aber nicht die Hunde, über die konnten wir frei verfügen. Fleisch war damals eine Rarität, da waren Hunde eine willkommene Abwechslung. Gegessen wurden zumeist Mischlinge, reinrassige Hunde wie der Jindo-Hund wurden nicht gegessen. Heute essen auch noch sehr viele Leute Hundefleisch, doch viele wollen es nicht zugeben, besonders westlichen Ausländern gegenüber, da sie sich schämen, verstehst du?"

Als er meinen Notizblock bemerkt, sieht er mich mit zusammengekniffenen Augen an: "Du wirst aber nichts Schlechtes über Korea schreiben, oder?" Ich beruhige ihn und bedanke mich für das gute Süpplein. (Alexander Reisenbichler, derStandard.at, 4.2.2014)

>> Fotostrecke: Der Hund spaltet die Nation

  • Eintopf und ...
    foto: alexander reisenbichler

    Eintopf und ...

  • ... Kuschelhund.
    foto: alexander reisenbichler

    ... Kuschelhund.

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