Mythos vom starken Mann

Kolumne3. Februar 2014, 17:02
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Die Blitzreise des bisherigen Ministerpräsidenten Asarow im Privatflugzeug nach Wien war Anlass für Berichte über Wien als diskrete Drehscheibe für undurchsichtige Geschäfte der ukrainischen Machtelite

Die dramatischen Ereignisse in Kiew haben nicht nur eine Flut von Aufsätzen in der Weltpresse über die Zukunft der Ukraine ausgelöst. Die Blitzreise des bisherigen Ministerpräsidenten Asarow im Privatflugzeug nach Wien nur wenige Stunden nach seinem Rücktritt war auch ein Anlass für Berichte über Wien als diskrete Drehscheibe für undurchsichtige Geschäfte der um das politische Überleben kämpfenden ukrainischen Machtelite. Nicht nur die Asarow-Familie, sondern auch die als Drahtzieher der Repressionsmaßnahmen beschuldigten Klujew-Brüder und nicht zuletzt der Präsident Wiktor Janukowitsch selbst sollen über – offiziell freilich von österreichischen Anwälten oder Finanzberater verwaltete – große Vermögenswerte in Österreich verfügen.

Unabhängig davon, was die hiesigen Vertrauensmänner der ukrainischen Oligarchen für die Öffentlichkeit äußern dürften, ist es noch frappierender und vor allem erschreckend, wie bekannte Persönlichkeiten, aus welchem Grund auch immer, Kritik von außen an der Rolle Wladimir Putins und seines Regimes im ukrainischen Drama und bei den Olympischen Spielen in Sotschi im Keim ersticken möchten. 

Dem historisch so verhängnisvollen Mythos des "starken Mannes" huldigt zum Beispiel der früher für Frank Stronach und seit 2010 für den russischen Oligarchen Oleg Deripaska tätige Spitzenmanager Siegfried Wolf in einem aufsehenerregenden langen Interview mit Format (5/2014). Der auch als möglicher künftiger Chef der Staatsholding ÖIAG diskutierte Geschäftsmann sagt, Russland und sinngemäß auch die Ukraine bräuchten eine starke Führung. Putin sei "der richtige Mann" . Er verneint emphatisch die Frage, ob Russland mit dem Konflikt in der Ukraine etwas zu tun hätte.

Kein Wort über die Massendemonstrationen und die Ausschreitungen der Polizei in Kiew. Der Punkt sei dort die Misswirtschaft. Auf der weltweiten Korruptionsskala von Transparency International liegt übrigens die Ukraine nur ganz knapp hinter dem so überschwänglich gelobten Russland. 

Im Gegensatz zur großartigen ORF-Arte-Dokumentation über Putins Spiele weist Wolf jede Kritik an Russland als nicht gerechtfertigt zurück. Nichts sagt er über die Korruption, die Menschenrechte und die Umwelt. Dagegen seien alle jungen Leute der Meinung, dass es im Moment niemanden gebe, der die Sache besser machen würde als Putin. Er selbst könne nur Positives darüber berichten, was er mit Putin erlebt habe, und fügt hinzu: "Europa braucht eine sehr, sehr enge Bindung an Russland."  

Der Mann, den die Interviewer als den einflussreichsten Österreicher in Sotschi bezeichnen, ist kein Einzelfall. Auch manche anderen Exporteure und Bankiers blasen ins gleiche Horn. Niemand kann den hohen wirtschaftlichen Nutzen Sotschis für Österreich bestreiten. Es geht aber, nicht zum ersten Mal, um die sachliche Bewertung der Außenpolitik Putins, der mithilfe einer eurasischen Wirtschaftsunion (einschließlich der widerwilligen Ukraine!) bestrebt ist, den Kern des einstigen sowjetischen Machtbereichs wiederherzustellen.

Die Mahnung des britischen Historikers Lord Acton (1834–1902) bleibt zeitlos gültig: "Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut."  (DER STANDARD, 4.2.2014)

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