Undurchschaubare Arzt-Pharma-Beziehungen

4. Februar 2014, 10:52
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Die Finanzierung des Gesundheitswesens wird immer prekärer - Kritiker fürchten, dass Vortragshonorare oder Drittmittel die Objektivität beeinflussen

Der Kardiologe hat an Beliebtheit verloren. Allerdings nicht bei seinen Patienten. Es ist die Pharmaindustrie, bei der er an Wertschätzung eingebüßt hat: Statt 750 bis 900 Euro für einen Fachvortrag wird er nur noch 500 Euro bekommen. Jener Arzt, der das erzählt, weiß nicht recht, ob er resigniert oder belustigt sein soll. Nicht mangelnde Kompetenz hat den Preisverfall verursacht, sondern die Tatsache, dass er seinen Job als Oberarzt quittiert und eine eigene Praxis aufgemacht hat.

Spitalsärzte wertvoller

"Damit sank mein Wert. Niedergelassene haben eine geringere Reichweite für die Pharmaindustrie", erklärt der Kardiologe, der nicht mit Namen genannt werden will, weil er mit dieser Aussage sein weiteres Berufsleben ruinieren könnte. Das Thema ist brisant. Es geht um die Zuwendungen der Pharma- und Medizinprodukteindustrie und deren Durchdringung des gesamten Gesundheitssystems.

Konkrete Zahlen aus Österreich gibt es nicht. Der New Yorker Journalistenverband Pro Publica listet seit 2009 Honorarzahlungen an Ärzte auf. Danach wechselten zwischen 2009 und 2012 zwei Milliarden Dollar von 15 großen Pharmafirmen die Seiten - meist als Vertragshonorare. Einige Ärzte haben mehr als eine halbe Million Dollar bekommen - in der Öffentlichkeit meist unbemerkt.

Honorare offen legen

Das soll sich ändern: Ab 2015 will die Pharmaindustrie alle Zuwendungen an Ärzte namentlich dokumentieren und ab Anfang 2016 veröffentlichen. Jeder kann sie dann nachvollziehen, solange die Ärzte damit einverstanden sind. Die Branche ist gespannt, wie viele Mediziner da mitmachen werden.

Wie schnell man für die eigene Transparenz in Ungnade fallen kann, erzählt die US-Notfallärztin Leana Wen aus Washington. Dort wird ab September 2014 der sogenannte Physician Payments Sunshine Act gelten. Leana Wen hat ihr Einkommen bereits jetzt auf whosmydoctor.com öffentlich gemacht. Es folgte ein Shitstorm: Als Eingriff in die Privatsphäre bezeichneten Kollegen den Schritt. Sie solle nach Russland oder Kuba gehen. "You suck", wurde sie beschimpft. Auch gegen den staatlich verordneten Sunshine-Act bildet sich Widerstand.

Um ähnliche Vorfälle zu vermeiden, treffen sich seit Monaten die Vertreter der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) und von Pharmaverbänden. "Bestechung oder Vorteilsnahme widerspricht unserer Berufsordnung", erklärt Karl Forstner, Vizepräsident der ÖÄK, es habe sich in den letzten Jahren viel geändert. Auf Druck der Öffentlichkeit haben nun Pharmaindustrie und Ärzteschaft strikte Regeln für den Umgang miteinander. "Zuwendungen wurden erheblich reduziert", bestätigt Jan Oliver Huber, Generalsekretär der österreichischen Interessenvertretung Pharmig. Und die Zahlen aus den USA? "Das sind die schwarzen Schafe, die man in jedem Berufsstand findet", sagt Forstner.

Unis ohne Geld

Tatsächlich macht es wenig Sinn, mit dem Finger auf einzelne Ärzte zu zeigen. Es ist ein Gesamtpaket, das die Unabhängigkeit des Gesundheitssystems gefährdet. Es gibt viele Faktoren. Etwa die "Drittmittel", also Finanzspritzen der Industrie an die Universitäten für Forschung, mit der klinische Studien finanziert werden, um die Wirksamkeit und Sicherheit neuer Arzneimittel zu testen.

Das läuft weitestgehend korrekt. Doch sind strenggenommen dadurch weder die Grundlagenforschung noch Arzneitests tatsächlich unabhängig. "Mit Sorge beobachten wir, dass Universitäten und klinische Zentren immer mehr auf Drittmittelfinanzierung angewiesen sind, um überhaupt forschen zu können", sagt Forstner.

Noch vertrackter ist es bei der ärztlichen Fortbildung. Jeder Arzt muss sie in Anspruch nehmen. "Doch das Gesundheitswesen übernimmt die Kosten für Weiterbildung nicht in dem Maße, in dem es notwendig wäre, sondern überlässt auch dieses Feld der Pharmaindustrie. Gerade Fortbildungen dienen als Einfallstor, Entscheidungsträger oder Ärzte für mögliche Zuwendungen zu identifizieren", sagte ein Experte aus der Klinik dem Standard, der ebenfalls nicht namentlich genannt werden will.

Subtiler Einfluss

Nach Fortbildungen werde selektiert, wer dann zu Expertentreffen eingeladen wird. "Diese Experten sitzen mit anderen Autoritäten, die viele klinische Studien geleitet haben, in Gremien, die dann die Leitlinien für medizinische Behandlungen beschließen," erklärt der Experte ein System der Selbstbestätigung. Sie geben also Empfehlungen ab, wie ihre Kollegen Krankheiten optimal behandeln sollen.

Im März vergangenen Jahres warnten deutsche Ärzte, darunter Mitglieder der Bundesärztekammer, dass neue Arzneimittel zunehmend schneller nach ihrer Zulassung in die Empfehlungen aufgenommen werden. Obwohl man weiß, dass sich erst zwei bis drei Jahre nach Markteinführung Nutzen und Risiken eines Medikaments im Alltag zeigen.

Eine Arbeit aus dem "Deutschen Ärzteblatt (DÄB)" zeigt, dass besonders dann, wenn die Studienlage nicht eindeutig ist, sich die persönliche Meinung Einzelner durchsetzt. Wie bei dem Mittel Efalizumab der Firma Merck Serono gegen Schuppenflechte. Es sei in Deutschland deutlich günstiger bewertet und verordnet worden als etwa in Großbritannien. Grund für die Diskrepanz: In England durften Mediziner, die mit der Firma in Verbindung standen, nicht an den Empfehlungen mitwirken. In den USA wurden sogar die Leitlinien zur Patientensicherheit überprüft, weil ein Komiteemitglied Interessenkonflikte verschwieg.

Auswirkungen auf Objektivität

Eine solche Trennung fordern Kritiker auch für Österreich. "Obwohl Interessenkonflikte offengelegt werden müssten, nehmen viele Kollegen diese Verflechtungen nicht ernst", sagt er. Untersuchungen zeigen, dass sich bei 80 bis 100 Prozent der untersuchten Leitlinien keine Angaben finden. Sind sie vorhanden, geben bis zu 90 Prozent der Autoren finanzielle Verbindungen mit Pharmaunternehmen an. Es sei beängstigend, wie naiv manche Kollegen gegenüber den wirtschaftlichen Interessen der Branche seien, sagen die Kritiker.

Die Industrie interessiert sich auch für die Apotheker, weil sie die Medikamente einkaufen. Je preiswerter, umso besser für das Krankenhaus. Sicherlich könne man den Verdacht hegen, erklärt Sylvia Hetz, Vorsitzende der Krankenhausapotheker, dass so manch gutes Angebot dazu diene, den Weg für weitere Verordnungen zu ebnen.

Es ist nicht der Arzt mit dem Vortragshonorar, nicht derjenige, der eine Fortbildung besucht, nicht der eine aus dem Expertenkreis oder der einzelne Apotheker: Es ist es das System dahinter, das das Gesundheitssystem beeinflusst. Die Dynamik sehen Kritiker mit Besorgnis. "Fehleinschätzungen sind nicht nur Verfehlungen. Sie gefährden die Patienten." Transparenz wäre ein Mittel dagegen. (Edda Grabar, DER STANDARD, 4.2.2014)

  • Ärzte und Pharmafirmen sind bei der Medikamentenentwicklung eng miteinander verzahnt. Zu eng, meinen viele.

    Ärzte und Pharmafirmen sind bei der Medikamentenentwicklung eng miteinander verzahnt. Zu eng, meinen viele.

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