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3. Februar 2014, 17:28
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In seinem neuen Roman "Das Blutbuchenfest" liest Martin Mosebachs einer Gesellschaft von Schwätzern die Leviten

Wien - Martin Mosebachs neuer Roman Das Blutbuchenfest besitzt alle Merkmale eines realistischen Buches. In ihm liest der Autor einer Gesellschaft von Schwätzern die Leviten. Der Schauplatz ist - mit einer allerdings bedeutsamen Ausnahme - Frankfurt am Main. Die Spitzen der Society tauschen am Katzentisch einer Szenekneipe Sottisen aus. Dort beäugen sie auch die "unerträglich schönen" jungen Frauen. Die glauben, wegen des Sozialprestiges der eitlen Wichte mit diesen ins Bett gehen zu müssen.

Man schreibt das Jahr 1990. Ein Impresario namens Wereschnikow trägt sich mit der eigentlich unfinanzierbaren Absicht, einen Jugoslawien-Kongress großen Stils abzuhalten. Gefragt wird nach der "Würde". Das ist seltsam, da diese einzig von der Zahlungskraft derer abhängt, die sie für sich beanspruchen.

Ausgerechnet der morsche Balkan-Staat soll als Musterbeispiel für Wertepluralismus herhalten. Martin Mosebach (62), 2007 mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet, hat einen Ruf als Meister der ironischen Formulierungskunst zu verteidigen. Der Betriebsmodus dieses beneidenswert leichthändigen Autors ist die Sanftleidigkeit. Sein geschmeidiger Stil drückt ein nicht von der Hand zu weisendes Wohlbehagen aus.

Alle Figuren werden von der gleichen flüchtigen Aufmerksamkeit umschmeichelt. Die bosnische Putzfrau, die in den Frankfurter Westend-Villen den Saugrüssel schwingt, dient als Klammerausdruck der Gesellschaft. Ihretwegen macht Mosebach nicht mehr Erzählumstände als wegen des Immobilienhais, der sich ob seines Wanstes die Schnürsenkel nicht mehr selbst zubinden kann.

Besagter Mann teilt mit Wereschnikow die Geliebte. Eines unglücklichen Umstandes wegen muss der Häusermakler in einem Umkleidekasten Zuflucht suchen, um einem Zusammentreffen mit dem Nebenbuhler auszuweichen. Der erste Griff in der Finsternis des Einbaumöbels gilt ausgerechnet seinem Handy. Wir schreiben, wie schon bemerkt, das Doppeljahr 1990/1991. Die zermürbende Abfolge der Jugoslawienkriege steht erst vor der Tür.

Der Zweifel an der Zuverlässigkeit des Schreibers legt sich von nun an wie ein trübender Schleier über Das Blutbuchenfest. Natürlich darf jeder Autor mit Archaismen spielen. Er kann auch aus freien Stücken retro-futuristisch aktiv werden. Napoleon Bonaparte darf ein Laserschwert ziehen. Der römische Legionär kann eine Muskete abfeuern. Buchstäblich alles gehört in den Bereich des Literaturmöglichen. Der Autor muss gegenüber seiner Leserschaft nur hinreichend klarlegen, warum und zu welchem Ende er sich gegen das Gesetz der Temporalität bewusst vergeht.

Ein Fehler mit Folgen

Mosebach soll, wie der Rezensent der FAZ kürzlich verlautete, von seinem Lektor rechtzeitig auf den Fehler hingewiesen worden sein. Er hat von einer Korrektur abgesehen. Das Ergebnis dieser Fehlentscheidung ist leider nicht zum Schmunzeln.

Geschlagene 13-mal findet das Mobiltelefon Erwähnung. Die Geliebte des Ich-Erzählers, eine mysteriöse Nixe von Frankfurts Pflasterstrand, sitzt in der S-Bahn. Dort lässt sie sich vom Schein ihres Laptops (1990!) in ein günstiges, vor allem aber in ein symbolträchtiges Licht setzen.

In Bosnien toben die ersten Kämpfe. Flüchtende Kroaten ziehen nach Belieben ihre Handys aus der Hosentasche. Die Physik des menschlichen Zusammenlebens, ohnehin störanfällig, ist irreparabel beschädigt. Mosebach, ein Sterngucker, schreibt allen Ernstes hin: "Seitdem (...) jedes Telefongespräch tausende Kilometer in die Stratosphäre und dann wieder zurück auf den Erdboden zurücklegte, lag jede Stadt und jeder Weiler (...) an einem Weltmeer. Hob das nicht jene alten Grenzen der Länder auf, die Völker voneinander trennten oder sie gar zerteilten, wie es in Jugoslawien eigentlich jede Grenze tat?"

Man ist plötzlich geneigt, solche mehr dahingeplauderte als ernsthaft erwogene Weisheit für frivol und ungehörig zu halten. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 4.2.2014)

Martin Mosebach. "Das Blutbuchenfest". Roman. 450 Seiten, Euro 25,60. Hanser, München 2014

  • Als bildungsbürgerlicher Autor nur mit (künstlichem) Sternenhimmel: Martin Mosebach aus Frankfurt/Main. 
    foto: epa/may

    Als bildungsbürgerlicher Autor nur mit (künstlichem) Sternenhimmel: Martin Mosebach aus Frankfurt/Main. 

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