Wenn Jugendliche ihr Zuhause verlassen müssen

3. Februar 2014, 11:11
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Viel Herzlichkeit und Schmäh: Zu Besuch im Betreuungsheim für minderjährige Flüchtlinge in Mödling

Mödling - Auf den ersten Blick wirkt es nicht wie ein einladendes Zuhause: eine knarrende Holztreppe in einem Innenhof mitten im Industrieviertel von Mödling. Doch sobald sich die Tür des zweistöckigen Gebäudes öffnet, strahlt einem eine Aura von Freundlichkeit und Offenheit entgegen.

Ich habe mich hier mit Michael Katzler verabredet, einem Mitarbeiter der Diakonie-Flüchtlingsbetreuung in Mödling. Er zeigt mir das Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, also Jugendliche, die alleine ohne ihre Eltern geflüchtet sind. Rund 30 leben hier in der Betreuungsstelle, die meisten von ihnen sind zwischen 16 und 18 Jahre alt. Alle waren vorher im Flüchtlingslager in Traiskirchen.

Neben den Wohn- und Gemeinschaftsräumen hat das Heim auch eine Küche, in der die Jugendlichen jeden Abend selbst kochen. "Wenn die Pakistani kochen, gibt es meistens was mit Linsen, während die Somali auch zu den Spaghetti Bananen essen", sagt Michael Katzler grinsend.

Nach dem Rundgang setze ich mich mit ihm und einigen Jugendlichen an einen Tisch im Gemeinschaftsraum. Sie sind 16 Jahre alt und kommen aus Afghanistan, erzählen sie mir.

Ohnehin stammen überdurchschnittlich viele minderjährige Flüchtlinge aus dem Land am Hindukusch: Im Jahr 2013 flüchteten von Jänner bis November 357 Jugendliche ohne ihre Eltern aus Afghanistan nach Österreich, was insgesamt rund 40 Prozent ausmacht. Ihre Flucht nach Europa wird meist von Schleppern organisiert und führt sie über den Iran und die Türkei nach Griechenland.

Ich frage die Jugendlichen, wie ihre Eingewöhnung in Österreich verlief. "Besonders schwer war das Alphabet für mich", meint einer von ihnen: "Daheim habe ich nur in Arabisch geschrieben." Ein anderer Jugendlicher erzählt mir: "Wir sind nicht wegen der Armut gegangen, das hätten wir ausgehalten. Wir wollen einfach keinen Krieg mehr sehen!"

Ein Bangladescher, der sich gerade zu uns gesetzt hat, fügt an: "Es ist eine Ironie des Schicksals: Zu Hause wurde ich als Hindu von Muslimen verfolgt, jetzt lebe ich hier mit ihnen als meine Freunde."

Mit Skinheads im Stadion

Ich möchte wissen, inwieweit den Jugendlichen Hilfe im Asylverfahren zukommt. Michael Katzler erzählt mir, dass die meisten zuerst einen negativen Bescheid erhalten, dann mithilfe einer Juristin Beschwerde einlegen und am Ende dann meist doch bleiben dürfen.

Die Jugendlichen gehen ganz normal in Schulen, was ihnen, wie sie sagen, sehr dabei hilft, sich in Österreich zu integrieren. Gebrochenes Deutsch oder Englisch hört man hier kaum, die meisten beherrschen die Sprachen schon nach kurzer Zeit beeindruckend gut. Sie bekommen auch Nachhilfe angeboten, ebenso haben sie hier die Möglichkeit, ein Handwerk zu erlernen. Auch der Sport kann sehr wichtig für die Integration sein. Deshalb organisiert Michael Katzler für die Jugendlichen im Frühling ein Fußballturnier in Perchtoldsdorf.

Als ich den Jugendbetreuer frage, wieso er hier arbeitet, müssen die Jugendlichen laut lachen. Er wollte einfach wieder etwas "Sinnvolles" machen, nachdem er jahrelang als Kameramann gearbeitet hat, sagt Katzler.

Die Jugendlichen erzählen mir, dass sie mit Rassisten eigentlich keine Probleme hätten. Betreuer Katzler erinnert sich gar an eine ziemlich skurrile Anekdote: Einmal saßen sie in einem Fußballstadion neben einer Gruppe von Skinheads, die bei der "Welle" nur den rechten Arm hoben, und den dann auch oben ließen: "Wir dürften aber so viel Fröhlichkeit ausgestrahlt haben, dass die Skinheads verdutzt gedacht haben müssen: Sind wir wirklich gegen die?" (Max Schwaiger, DER PRINTSTANDARD-Printausgabe, 3.2.2014)

 

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