Experte: Resultate sagen nichts über Qualität der Neuen Mittelschulen

3. Februar 2014, 10:39
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Bildungsforscher Hopmann warnt vor Überinterpretation der Ergebnisse

Die Ergebnisse der Bildungsstandards seien zwar ein gutes Feedback für die jeweilige Schule. Sie sagen aber weder etwas über das Können des einzelnen Schülers beziehungsweise der Schüler insgesamt aus, noch über die Qualität verschiedener Schultypen (AHS, Hauptschule, Neue Mittelschule/NMS) oder der Schulen eines Bundeslandes, warnt Bildungsforscher Stefan Hopmann vor Überinterpretation.

Individuelle Kompetenzen

"Das Bifie (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Anm.) liefert mit den Bildungsstandards Steuerungs- und politische Daten - aber wenn man meint, dass sie etwas über individuelle Kompetenzen aussagen oder zur Qualitätsverbesserung taugen, richtet man Schaden an", betont Hopmann, Forscher an der Uni Wien und selbst Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bifie. Die Ergebnisse seien primär deshalb interessant, weil man durch sie jene Schulen identifizieren könne, an denen besonders viele Schüler mit dem Test Probleme hatten und die Schulen Orientierung bekommen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. "In dem Sinne halte ich das auch nicht für schlecht."

Aber über alles andere, etwa wie groß der Anteil an Schülern ist, die nicht genug Kenntnisse erwerben, sagt der Test laut Hopmann nur bedingt etwas aus. Die Ergebnisse bezögen sich eben - wie auch bei internationalen Bildungsvergleichsstudien wie PISA - nur auf genau jenen Bereich, der getestet wurde.

Unterschied

Auch darüber, ob Schüler an AHS, Hauptschulen oder der (mit zusätzlichen Ressourcen ausgestatteten) NMS mehr lernen, könnten die Standardtestungen nichts aussagen. "Solche Tests taugen zu allem Möglichen, aber sicher nicht zum Vergleich der Qualität eines Schulformats." Damit werde nämlich unterstellt, dass die Schulart einen signifikanten Einfluss auf die Abweichungen bei den Ergebnissen habe. Aber schon durch Schule insgesamt könne nur ein Drittel der Leistungsunterschiede erklärt werden, am relevantesten sei der soziale Hintergrund. "Ich würde bezweifeln, dass noch viel Unterschied zwischen AHS und Hauptschule oder Neuer Mittelschule bleibt, wenn man den Social Background berücksichtigt", so Hopmann.

Gerade beim Fach Englisch, dessen Ergebnisse für Schüler der 8. Schulstufe eben präsentiert wurden, sei der Einfluss der kulturellen Ressourcen im Elternhaus sehr stark und jener der Schulen verhältnismäßig gering. Englisch eigne sich damit auch besonders schlecht, um den Einfluss von Schule zu testen. Bei Mathematik - hier wurden diesmal die Ergebnisse der Schüler der 4. Klasse Volksschule veröffentlicht - "ist der Einfluss der Schule prägnanter".

Falsche Schwerpunkte

Auch ein Vergleich nach Bundesländern bringe gar nichts. "Wir wissen etwa nicht, ob die Vorarlberger nicht etwa einfach in Bezug auf den Test das Falsche gelernt haben. Wir können daraus jedenfalls nicht zwingend folgern, dass die Schüler kein Mathe oder Englisch gelernt haben." Im Ländle erzielten die Schüler in Mathe landesweit die schlechtesten Ergebnisse, in Englisch unterdurchschnittliche. Das könne aber entweder daran liegen, dass im Unterricht der falsche Schwerpunkt gelegt wurde oder an einem tatsächlichen Problem. "Das kann man aber immer erst vor Ort sehen."

Auch für den einzelnen Schüler sieht Hopmann keinen Nutzen durch die Standards, denn diese Art des Tests eigne sich einfach nicht als individuelles Diagnoseinstrument. Dazu komme, dass die Rückmeldung so kompliziert sei, dass Schüler und Eltern damit ohnehin nichts anfangen könnten.

Generell hält er die Erwartungen an die Bildungsstandards für überzogen. Das politische Versprechen, durch die Testungen die Schulentwicklung voranzutreiben und so die Qualität der Schulen zu verbessern, sei zu optimistisch, denn es sei noch in keinem Land gelungen, dadurch Unterricht zu standardisieren bzw. in Folge die Ergebnisse des Unterrichts zu verbessern. Dass mit der Einführung 2009 neben dem Lehrplan die Bildungsstandards an den Schulen gelten, werde die Leistungen schwacher Schüler nicht verbessern. "In Österreich herrscht der Irrglaube vor, dass Systemfragen einen gezielten Einfluss auf eine Teilgruppe haben", so Hopmann. Wolle man, dass es weniger Kinder und Jugendliche mit eklatanten Schwächen gebe, müsse man diese gezielt fördern.

An Tests gewöhnen

"In keinem Land hat ein solches System zu mehr als einem normalen Gewinn durch Übungseffekte geführt", betont Hopmann, wie beschränkt der Einfluss solch zentraler Eingriffe sei. Für "Quatsch" hält er deshalb auch die Aussagen von Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) und Bifie-Chef Christian Wiesner, die angesichts der Punktezugewinne im Vergleich zu den Ausgangstestungen der Jahre 2009 bzw. 2010 von einem "deutlichen Aufwärtstrend" sprechen. Seine Prognose: Die Ergebnisse bei den nächsten drei, vier Testungen werden jeweils besser ausfallen - einfach weil die Lehrer und Schüler sich an den Test gewöhnen. (APA, 3.2.2014)

  • "In keinem Land hat ein solches System zu mehr als einem normalen Gewinn durch Übungseffekte geführt", sagt Bildungsforscher Hopmann.
    foto: apa/hochmuth

    "In keinem Land hat ein solches System zu mehr als einem normalen Gewinn durch Übungseffekte geführt", sagt Bildungsforscher Hopmann.

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