"Heimat ist, wo man das Gefühl hat, dazuzugehören"

3. Februar 2014, 09:11
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Ali Ataie ist mit 15 aus Afghanistan geflüchtet, Nezar Omarary kennt den Irak, das Land seiner Eltern, nur von den Ferien

STANDARD: Was verbindet ihr mit dem Begriff "Heimat"?

Nezar Omarary: Ich denke da zuerst an Familie, Freunde und Liebe. Wenn ich Heimat mit einem Ort verbinden müsste, würde mir das schwerfallen. Auch wenn ich die österreichische Staatsbürgerschaft besitze, hier geboren bin und von den Sprachen am besten Deutsch beherrsche, denke ich trotzdem eher an den Irak.

Ali Ataie: Für mich definiert sich Heimat darüber, wo man das Gefühl hat, dazuzugehören und einen Platz zu haben. Ich wohne erst seit vier, fünf Jahren in Österreich. Am Anfang dachte ich bei Heimat nur an Afghanistan, aber mit der Zeit gleicht es sich aus. Wenn mich im Ausland jemand fragt, woher ich komme, sage ich meist Österreich.

STANDARD: Kannst du die Hintergründe deiner Flucht schildern?

Ali: Geboren bin ich im Iran, weil meine Eltern damals aus Afghanistan flüchten mussten. Als ich zehn war, sind wir wieder zurück nach Afghanistan, wo ich im Landesinnern in einem Dorf gelebt habe. Dort ging es uns wirklich super. Aber eines Tages meinte mein Vater, dass es wieder Probleme gebe und wir unsere Koffer packen müssten. Damals war ich noch klein, und man hat mir nicht alles genau erzählt. Wir flüchteten über Pakistan in den Iran und von dort aus weiter nach Österreich.

STANDARD: Wie erging es dir mit dem Deutschlernen?

Ali: Die ersten vier Monate war ich in Traiskirchen im Flüchtlingslager, wo es nur einmal in der Woche einen Deutschkurs gegeben hat. Viel mehr als ein paar einfache Wörter habe ich dort nicht gelernt. In Wien habe ich mich dann sowohl für einen Deutschkurs als auch für die Schule angemeldet, hatte vormittags Unterricht und am Nachmittag Sprachkurs. Da habe ich sehr intensiv gelernt.

STANDARD: Nezar, du kennst das Land deiner Eltern nur von den Ferien.

Nezar: Ja, jeden Sommer bin ich bis zu einem Monat im Irak. Wenn ich dort von meinem Alltag erzähle, fragen meine Freunde, wie hier die Schule so ist und was ich in meiner Freizeit mache. Meist erzähle ich von der Lebensqualität in Österreich, dass es eines der reichsten Länder ist, das Wasser sehr sauber und eigentlich alles vorhanden ist.

STANDARD: Wie sehr unterscheidet sich euer Lebensalltag vom Land eurer Familie?

Ali: Für mich hat sich vieles geändert, aber natürlich nicht alles. Der Alltag in Österreich ist fast etwas stressiger. Das mag komisch klingen, schließlich hatte ich es in Afghanistan viel schwerer, aber hier checkt man irgendwie nicht, wie schnell der Tag vergeht: Man geht zur Schule, kommt nach Hause, geht dann schnell in die Bibliothek - und zack ist der Tag auch schon wieder vorbei. Die Erwartungen ans Leben sind auch viel höher. Ein großer Unterschied ist auch, wie man seine Lebenspartnerin findet.

Nezar: Das ist auch im Irak total anders. Dort muss man bis zur Heirat Jungfrau bleiben. Fast immer suchen die Eltern den Partner für den Sohn oder die Tochter aus. Die werden sich erst bei einem Familienessen vorgestellt.

Ali: Das kann sich hier niemand vorstellen, in Afghanistan ist das normal.

STANDARD: Wie nehmt ihr die politischen Probleme im Land eurer Familien wahr?

Nezar: Seit dem Irakkrieg 2003 geht es nur mehr durcheinander, und es herrscht viel Korruption. Auch die Bombenanschläge gehören dort leider zum Alltag. Im kurdischen Teil im Norden, wo meine Eltern aufgewachsen sind, ist das anders: Die Infrastruktur bessert sich, vieles wird neu errichtet.

Ali: In Afghanistan könnte man auch über positive Aspekte berichten, etwa die Fortschritte, die gemacht werden, oder die traditionellen Feste, den guten Umgang unter den Leuten und den familiären Zusammenhalt. Aber die Medien nehmen halt das, was am meisten Aufmerksamkeit erregt.

STANDARD: Ali, viele der Refugee-Demonstranten kommen wie du aus Afghanistan. Wie hast du die Proteste mitbekommen?

Ali: Ich fand das grundsätzlich gut, weil viele Asylwerber in gottverlassene Gasthäuser geschickt werden, wo sie nicht unter die Leute kommen. Die haben dort weder einen Deutschkurs noch eine Arbeitserlaubnis. Das Einzige, was sie dort von der Früh bis abends machen, ist schlafen, essen und fernsehen. Ein Bekannter meines Vaters führte acht Jahre lang so ein Leben, bis er endlich einen Bescheid über seine Zukunft bekam. Der wohnte irgendwo in der Steiermark, wo er 40 Minuten zu Fuß gehen musste, um sich eine Packung Zigaretten zu holen. Ich kenne viele, die so ein Leben führen.

STANDARD: Was würdet ihr euch beim Thema Integration von der Politik wünschen?

Ali: Manches finde ich in Österreich ein bisschen streng. Wenn man die ganze Zeit immer nur auf einen wunden Punkt hinweist, dann klappt das nicht. Als ich in Deutschland war, haben mir Bekannte gesagt, dass sie alle in gutem Kontakt mit der Bevölkerung stünden und die Migranten deshalb besser integriert seien. Wenn man sich wohlfühlt, passiert das automatisch, ohne darüber nachzudenken. Wenn man von allen Seiten getriezt wird, sucht man sich eher seine eigene Gruppe.

Nezar: Ich fühle mich hier überhaupt nicht ausgeschlossen. Eigentlich wurde ich noch nie als Ausländer bezeichnet, auch wenn ich etwas schwärzeres Haar habe als die meisten. (lacht)

STANDARD: Könnt ihr euch vorstellen, später im Irak oder in Afghanistan zu leben?

Ali: Darüber denke ich oft nach. Wenn ich nach Afghanistan zurückkehre, wird mir Wien fehlen und umgekehrt ebenso. Später möchte ich einmal Arzt werden. Wenn das klappt, würde ich versuchen, den Leuten in Afghanistan zu helfen.

Nezar: Ich sehe mich die nächsten vierzig Jahre in Österreich, aber sobald ich in Pension gehe, möchte ich in den Irak ziehen. Meine Eltern scherzen schon, dass sie nur darauf warten, bis wir unsere Studien fertig haben, damit sie dann im Irak leben können. Später habe ich also keinen mehr hier, wenn ich älter und schwach werde. (lacht). (Belinda Walli, DER STANDARD, 3. Februar 2014)

ALI ATAIE (19) lebt seit 2009 in Österreich und besucht das BRG Brigittenau. Seine Familie gehört den Hazaren an, der drittgrößten Volksgruppe in Afghanistan. Ataie ist Stipendiat des Start-Förderungsprogramms.
NEZAR OMARARY (19) maturiert heuer am Borg 3 Landstraße. Seine Eltern flüchteten vor seiner Geburt aus dem kurdischen Teil des Irak.

  • Ali Ataie (links) und Nezar Omarary sind zwei von rund 1,5 Millionen Österreichern mit Migrationshintergrund. Beide fühlen sich wohl in Wien, können sich aber dennoch vorstellen, später in das Land ihrer Eltern zu ziehen.
    foto: robert newald

    Ali Ataie (links) und Nezar Omarary sind zwei von rund 1,5 Millionen Österreichern mit Migrationshintergrund. Beide fühlen sich wohl in Wien, können sich aber dennoch vorstellen, später in das Land ihrer Eltern zu ziehen.

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