Zwei Schmetterlinge beim Sturzflug

3. Februar 2014, 07:43
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Die renommierte südafrikanische Choreografin Robyn Orlin mit einem neuen Stück im Tanzquartier Wien

Wien - Wenn jemand fällt, bedeutet es für denjenigen meist nichts Gutes. Denn üblicherweise geht es da nach unten: Unfall, Sturz und Aufprall. Die - weiße - südafrikanische Choreografin Robyn Orlin hat sich dieses Themas in ihrem aus zwei Soloteilen bestehenden Stück In a world full of butterflies, it takes balls to be a caterpillar ... some thoughts on falling angenommen. Das von Elisabeth B. Tambwe und Éric Languet interpretierte Ergebnis war am Wochenende im Tanzquartier zu erleben.

Hierzulande war die für ihre aufmüpfigen und politischen Arbeiten bekannte Künstlerin zuletzt 2010 bei Impulstanz zu sehen, damals mit ihrer aufsehenerregenden Arbeit We must eat our suckers with the wrappers on .... Darin ging es, aus afrikanischer Perspektive, um den Gebrauch von Kondomen zum Schutz vor HIV-Infektionen.

So konkret wird es jetzt in Orlins Schmetterlingswelt nicht. Die leicht verrückten und ziemlich aufgeregten Figuren darin sind davon geprägt, dass sie sich deplatziert fühlen. Zu Beginn von Tambwes Solo wird das Publikum auf die Bühne geleitet. In den Zuschauerreihen liegen leichte, bunte Zelte von der Sorte, wie sie auf dem Tahrir-Platz oder im Gezi-Park zu sehen waren. In eines dieser Zelte gehüllt, mischt sich Tambwe unter die Besucher und gibt sich entsetzt darüber, dass die sich am falschen Ort befänden. Das sei ihre Bühne, schimpft sie. Also sitzen bald alle brav dort, wo sie hingehören. Von da an entwickelt Tambwe ein Wesen, das in einer Welt, in der es "fremd" ist, weder Raupe noch Puppe noch Schmetterling sein kann. Eines, das nicht zu seiner richtigen Form findet, am liebsten in einem Kokon verschwinden möchte - und sich diesem Wunsch widersetzt. Was bleibt, ist die Auseinandersetzung mit sich selbst: eine ununterbrochene Verwandlung.

Anderssein und Absturz

Elisabeth B. Tambwe stammt aus dem Kongo, ist in Frankreich aufgewachsen und arbeitet seit einigen Jahren auch in Wien. Als schwarzafrikanische Europäerin erlebt sie den Prozess, den sie hier darstellt, andauernd: die ständige Konfrontation mit dem Anderssein (und dessen Transformationen) am Rande des Absturzes.

In Frankreich ist Éric Languet geboren. Seine Jugend verbrachte er allerdings auf der Insel La Réunion im Indischen Ozean. In seinem auf Tambwes Part folgenden Solo arbeitet er sich an einem Konflikt mit seiner Choreografin ab. Der quirlige Tänzer, der früher auch an der Pariser Oper engagiert war, rebelliert gegen Orlins Autorität. Das Motiv des Fallens macht ihn nervös, und diese Unruhe erzeugt einen Rede- und Bewegungsschwall, der ihn ab und zu ins Publikum spült. Auch bei ihm bewirkt die Vorstellung vom Sturz seltsame Verwandlungen. Am Ende turnt Éric Languet als männliche Ballerina mit Flügelchen auf dem Rücken mit einem Ballettstangen-Trapez.

So handelt Robyn Orlin gemeinsam mit Tambwe und Languet den Sturz als ein Aus-der-Rolle-Fallen, oder, genauer, als ständigen Fall von einer Rolle in die nächste ab. Dabei können die beiden Interpreten ihre besonderen Qualitäten voll ausspielen. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 3.2.2014)

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