Wiener Geschichtsstunden, frei nach Jenny Erpenbeck

3. Februar 2014, 07:39
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Durchwachsen: "Aller Tage Abend" im Schauspielhaus

Wien - Das erste Buch aus Jenny Erpenbecks Roman Aller Tage Abend beschert bestes Theatermaterial. Im Wiener Schauspielhaus fällt Schnee aus dem Beamer. Das Gestöber bedeckt einen Würfel, in dessen Innerem eine Jungfamilie den Tod ihres Säuglings beklagt (Bühne: Michael Zerz).

"Die Frau" (Franziska Hackl) sitzt in schweren Schuhen auf einem Hocker. Ihr Mann (Steffen Höld) mit den Hosenträgern am Unterleibchen klappert mit der Ladefläche eines Spielzeugautos. Er lebt bereits im Takt des 20. Jahrhunderts. Man schreibt das Jahr 1902 in Brody (Galizien). Die jüdische Bevölkerung muss ein Pogrom nach dem nächsten über sich ergehen lassen.

Die ostdeutsche Autorin Erpenbeck hat ein oszillierendes Prosawerk voller faszinierender - wiewohl todtrauriger - Möglichkeiten geschaffen. Jedes Mal überlebt die Heldin den ihr zugedachten Tod. Aus Galizien übersiedelt sie nach Wien. Nach dem Weltkrieg - ihre Freunde sterben an der Spanischen Grippe - begeht sie Selbstmord. Aus ihr wird eine überzeugte Kommunistin, die in die Sowjetunion zu emigrieren wünscht. Die nächste "Station" zeigt sie als Staatsautorin der DDR, die nach einem letalen Treppensturz auch noch die Wende 1989 "überlebt".

Aller Tage Abend, von Andreas Jungwirth als Stück eingerichtet, ist eine literarische Umwälzanlage. Es gibt ein ganzes Jahrhundert kostengünstig zu besichtigen. Das Durchspielen der vielen Optionen macht zugleich die Gefahren für das Theater deutlich. Keine Haltung darf sich verfestigen. Die Figuren zerfallen, kaum dass die sechs Schauspieler sie hastig skizziert haben, in ihre Einzelteile. Alle Menschen in dieser Zentrifuge sind Personen auf Widerruf. Das Ingenium der Dichterin, gut genährt von der eigenen Familiengeschichte, erspart ihnen nichts.

Die Verhältnisse, an denen (mindestens) fünf Frauen zugrunde gehen, sind gewaltförmig. Felicitas Bruckers etwas breit geratene Inszenierung überzeugt immer dann, wenn die Opfer-Täter-Grenzen verwischen. Der Zündhölzer kaufende k. u. k Offizier (Florian von Manteuffel) hält sich an der von ihrem Mann sitzengelassenen Frau aus dem ersten Buch erotisch schadlos. Er kehrt als zappeliger Selbstmörder wieder, der um die Häuser schleicht und sich selbst ohrfeigt. Er erleidet Jahrzehnte später als vaterloses Kind einer DDR-Staatspreisträgerin den endgültigen Verlust seiner Identität.

Die Figuren geben ihre Geheimnisse nie ganz preis. Sie huldigen dem "autoritären Charakter", der ihnen in Fleisch und Blut übergegangen ist. Das blutige 20. Jahrhundert hängt sich die Maske der Vernunft vor sein mörderisches Antlitz. Die Kommunistin aus dem dritten "Buch" (Katja Jung) hetzt atemlos, den Fingersatz auf die Schenkel klappernd, durch die wahnwitzigsten Umkehrungen der Parteilogik. Es gibt keine Maßeinheit für die "Wahrheit", auch nicht 1989, nach dem Kollaps der östlichen Hemisphäre.

Die letzte Station ist das Pflegeheim. Als letzter Gesellschafter sitzt der Hauptfigur, die jetzt "Frau Hoffmann" (Johanna Tomek) heißt und sehr ehrfurchtgebietend auf ihrem Stuhl thront, das Nichts gegenüber. Zu diesem Zeitpunkt hat das Ensemble entsetzlich viel Aufwand getrieben, um wenige Einsichten zu gewinnen. Streckenweise war es auch bloß fade. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 3.2.2014) 

 

  • In Galizien begann's: Franziska Hackl (li.), Katja Jung.
    foto: alexi pelekanos

    In Galizien begann's: Franziska Hackl (li.), Katja Jung.

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