Späte Rückbesinnung

3. Februar 2014, 07:31
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Umeå in Schweden ist die bisher nördlichste Kulturhauptstadt Europas. Im Zentrum des nun eröffneten Programms steht das Volk der lange unterdrückten Samen

Vor zwei Wochen fand in Riga die Eröffnung des Kulturhauptstadtjahres statt: Zehntausende Menschen bildeten bei klirrender Kälte eine gut zwei Kilometer lange Kette, um Bücher der Nationalbibliothek von acht Standorten in das neue Gebäude auf der anderen Seite der Daugava zu reichen. Mit der Aktion wollte man an den "Baltischen Weg" erinnern. Denn vor 25 Jahren, 1989, hatte man mit einer Menschenkette durch die damaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen für die Freiheit demonstriert.

Nun folgte Umeå, seit kurzem mit Riga über einen Direktflug verbunden. Die eher nüchterne, rasant wachsende Universitätsstadt im Norden von Schweden - ein knappes Drittel der 118.000 Einwohner sind Studierende - ist so gut wie unbekannt. Dabei genießt das Designinstitut einen international exzellenten Ruf; zudem wuchs Stieg Larsson, Autor der Millennium-Trilogie, in Umeå auf; und etliche Hardcore-Bands, darunter Refused, formierten sich hier. All das hätte aber wohl kaum ausgereicht für den Titel "Kulturhuvudstad". Im nationalen Wettbewerb konnte sich Umeå nur deswegen gegen Lund durchsetzen, weil man die Samen, die "Ureinwohner" Skandinaviens, ins Zentrum rückte.

Die Samen lebten und leben als Rentierzüchter in einem großräumigen Gebiet, das man "Sápmi" (Lappland) nennt. Über Jahrhunderte waren die Samen im "christlichen" Schweden schweren Repressalien ausgesetzt; sie trauten sich nicht, ihre Sprache zu sprechen oder ihre "Joiks" zu singen.

Das Kulturhauptstadtjahr bietet dem indigenen Volk Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen. Umgekehrt drängt sich aber der Verdacht auf, dass Lebensphilosophie, Folklore und Nomadentum der Samen nur dazu dienen, ein einzigartiges Programm machen zu können. Der samische Name der Stadt etwa, "Ubmeje", taucht offiziell nirgendwo auf.

Die Eröffnung am Samstagabend auf dem zugefrorenen Fluss Umeälven geriet zum Megaspektakel. Das Berliner Kollektiv Phase 7 erzählte mit riesigem pyrotechnischem Aufwand vom Wandel der Zeiten: Zunächst drehten Samen und Rentiere ihre Runden um ein stilisiertes Dorf, Frauen sangen alte Weisen. Und feuerspeiende Ski-Doos fuhren vor.

Und zum Schluss schwirrten etwa 30 mit LED-Lichtern bestückte Drohnen über der Szenerie. Diese "Quadcopter" des Ars Electronica Futurelab aus Linz bildeten auch einen EU-Sternenkreis - und das Logo von Umeå, ein rotes, u-förmiges Herz.

Applaus mit Fäustlingen

Die Menschen klatschten eifrig. Das klang eigenartig dumpf, denn jeder behielt die Fäustlinge an. Der Höhepunkt dürfte aber doch der Auftritt der Kronprinzessin Viktoria gewesen sein, die das Kulturhauptstadtjahr für eröffnet erklärte. In der Fußgängerzone gab es Interventionen aus gestampftem Schnee, ein Theater, eine Boule-Bahn und Projektionsflächen für Texte. Die Samen hatten zudem mehrere Informationsinseln errichtet: Man saß auf Rentierfellen rund ums offene Feuer.

Das Bildmuseet, eine Kunsthalle, präsentierte u. a. eine exzellente Retrospektive über die argentinische Surrealistin Leonor Fini (1907- 1996). Und sie widmete der Künstlerin Katarina Pirak Sikku, die über ihr Volk, die Samen, recherchiert hatte, eine Personale. Deren Fotos, Zeichnungen und Installationen halten dem Vergleich aber nicht stand.

Im Västerbottens Museum wurde ein Zentrum für Dokumentarfotografie mit herausragenden Bildern von Sune Jonsson eröffnet, der über Jahrzehnte hinweg das bäuerliche Leben festgehalten hat. Ebendort brachte man ein Stück von Gunnar Eklund über Konflikte zwischen Schweden und Samen im 20. Jahrhundert zur Aufführung - nur in Schwedisch. Den angereisten Pressevertretern wurde dieser Termin nicht angeboten.

In der Norrlandsoperan fand die Uraufführung des Sami Chinese Project statt: Joiker Issát Marainen sorgte mit seinem eintönigen gutturalen Gesang für einen grandiosen Soundtrack zur abgezirkelten Performance des Tao Dance Theater. Das hatte Intensität. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 3.2.2014)

Die Reise nach Umeå erfolgte auf Einladung von "Visit Sweden".

  • Die schwedische Kronprinzessin Viktoria spricht beim Eröffnungsspektakel des Kulturhauptstadt-Jahres in Umeå. Im Zentrum stehen die Samen, das Volk der Rentierzüchter. 
    foto: reuters/tt news agency

    Die schwedische Kronprinzessin Viktoria spricht beim Eröffnungsspektakel des Kulturhauptstadt-Jahres in Umeå. Im Zentrum stehen die Samen, das Volk der Rentierzüchter. 

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