Präzise Ekstasen

3. Februar 2014, 07:04
posten

Yaron Herman und Adam Baldych im Porgy & Bess

Wien - Das Duo bewegt sich in einem recht simplen harmonischen Kosmos, der leicht zu Kitschfantasien verleiten könnte. Mit dem ersten Seufzerintervall, mit der ersten Melodie, die der polnische Geiger Adam Baldych im Porgy & Bess zusammen mit dem israelischen Pianisten Yarron Herman anstimmt, wird jedoch klar, dass zwar malerische Stimmungen bestimmend sein werden. Allerdings auch, dass die beiden delikat jeder süßlichen Musikfalle ausweichen werden.

Besonders die Geige ist im Jazz gefährdet: Allzu leicht gleitet sie vibratoselig ins Schmachtende ab. Bei Baldych jedoch herrschen filigrane Zurückhaltung und gestochen scharfe Phrasierung vor, wodurch Töne und Linien ihre Eidringlichkeit vor allem aus Subtilität und Präzision des Ausdrucks beziehen. Das kontemplative Themenmaterial scheint der imaginären Folklore und dem Barock zugeneigt, es ist jedoch nur der obligate Ausgangspunkt für jene Steigerungen ins Hymnische, die sich bei Improvisationen ereignen.

Herman ist dabei ein Meister der harmonischen Extrapolation: Er kreist beharrlich um markante Riffs, baut jedoch mit Fortdauer einer Komposition immer wieder modulatorische Exkurse zu düsteren, dramatischen Bereichen ein, ohne ins gänzlich freie Spiel abzugleiten. Ist auch nicht nötig.

Hermans am Bebop geschulter hochvirtuoser Stil verfügt über jene Pointiertheit, die nötig ist, um einen sattsam bekannten Stil komplex zu beleben. Und wenn die beiden gemeinsam von der Kontemplation zur Ekstase übergehen, wird evident, dass hier zwei ausreichend voneinander wissen, um exaltierte Spontandialoge zuzulassen (demnächst erscheint bei ACT eine diesbezügliche CD der beiden). So verließ man das Porgy schließlich im Bewusstsein, eine Lehrstunde der Duo-Improvisation erlebt zu haben, deren Intensität ohne Einsatz plakativer Mittel auskommt.

(Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 3.2.2014)

Share if you care.