ĆUŠPAJZ IM KOPF – Die bizzarre Welt der Kristina Ćurković

Glosse3. Februar 2014, 00:01
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Den Reichtum einer Sprache zeigen erst Dialekte. Und die Leihgaben anderer Sprachen darin. Überall in Kroatien, Bosnien und Serbien weiß man, das „ćušpajz" oder "čušpajz" aus der deutschen Sprache kommt und die Zuspeise oder Zuspeis´, also Beilage zum Hauptgericht, meint. Auch ist man einig, dass ćušpajz üblicherweise aus gemischtem Grünzeug besteht und mehr oder weniger nur eine dekorative Funktion neben dem Fleisch hat.

Deswegen hat sich die ćušpajz auch auch als negative Phrase etabliert, wenn man dummes Handeln, Sprechen oder Benehmen meint. Man sagt dann, jemand habe wohl „ćušpajz im Kopf". Angeblich wird dieser Volksspruch in Kristina Ćurković manifest.

Performance von Rechts

In Österreich kennt sie niemand, in Kroatien ist sie das allseits bekannnte, junge, hübsche und weibliche Gesicht unter Ustaša-Mütze und mit einem Sturmgewehr in der Hand. Das sind aber nur die Facebook-Fotos von Kristina und stammen nicht aus dem Balkan-Krieg. Sie ist erst 23, studiert katholische Theologie in Split und kommt aus der Herzegowina. Draußen, in der (r)echten Welt ist sie wahlweise mit Eiern, einer Zange, einem Hammer oder mit Stacheldraht bewaffnet. Und „performt" gegen - man vergebe mir die Repetition, aber es ist wahr – eine ćušpajz von Feinden Kroatiens.

Kristinas erster Feind ist erstaunlicherweise die Spitzendelegation der durchaus katholischen HDZ die sie Anfang 2011 in Omiš mit rohen Eiern bewirft. Aber nur in Beinhöhe, man wolle ja niemanden verletzen, sondern gegen den Zustand der Heimat protestieren, sagt anschließend  Kristina im ersten  Interview ihres jungen Lebens. Später entwickelt Kristina aus dem ordinären Eierwerfen eine Performance mit vielschichtiger Aussage.

Performance mit Zange und Fahne

Diese ist bereits in zwei Akte gegliedert. Erster Akt: „Das blaue Sternenbanner". Das holt Kristina von einem öffentlichen Gebäude und zerreißt es, hängt dann die Fahne der Republik Kroatien auf. Anschließend ruft sie mittels Handy selbst die Polizei und nennt der Presse ihr Motiv: „Wegen der kriecherischen und unterwürfigen Politik gegenüber der EU sind unsere Generäle verurteilt worden und damit auch die Fundamente unseres geliebten Kroatien. Diesem bösartigen Gebilde unterwirft sich die kroatische politische Elite und führt mit dieser rückgratlosen Politik das gesamte Volk in den Untergang!"

Der zweite Akt erfolgt wenige Monate später, nach dem Gerichtstermin wegen des ersten Aktes. Er mag „EU ist schwul!" heißen. Nachdem Kristina vor Reportern eine weitere EU-Fahne, diesmal mit selbst dazu gemalten roten Stern zerreißt, wird sie deutlich: „Die Europäische Union ist mit dem fünfzackigen Stern gleichzustellen, den Josipović  ein Symbol der Liebe und des Friedens bezeichnet hat. Es gibt für uns keine Souveränität in der Europäischen Union die die Parade der Schwuchteln (pederi) in Split finanziert hat."

Zu diesem Zeitpunkt ist Kristina bereits eine lebende Ikone der klerikalen Rechten und bei fast jedem öffentlichen Ferkelessen und Schnapstrinken dabei, zwischen Čavoglave, wo „Thompson" hauptsächlich sich selbst und die Ustaša als kroatische Patrioten feiert und Bleiburg, wo  kroatische Patrioten ein ordinäres Verbrechen der jugoslawischen Kommunisten zum Kreuzweg aller Kroaten erheben.

Performance mit Hammer und Nomina auf Kyrillisch

Wie selbstverständlich schließt sich Kristina den Bekämpfern der Kyrillischen Schrift in Vukovar (und der Welt) an. Am Gedenktag für die Opfer der Belagerung Vukovars zerschmettert sie mit einem Hammer einen schwarzen  Kubus mit Nomina wie „Verrat", Aggressor", „Verbrechen", handgeschrieben in Kyrillischer Schrift. Ich frage mich, ob man zum Schreiben einen Serben anheuert oder ob die „Aktivisten" die Kyrillik so sehr hassen, dass sie, womöglich in Trance, die im Hass verinnerlichte Schrift der Feinde Kroatiens selbst schreiben können.

Bei einer anderen Gelegenheit im selben Kontext performt Kristina die „Freilassung der Taube von Vučedol", deren Gipsreplik sie mit Stacheldraht umwickelt. Die Taube von Vučedol ist ein Archäologischer Fund aus der Bronzezeit und entstammt einer Siedlung die 2500 Jahre vor Jesus Christus in der Nähe von Vukovar erblüht. Das diese Skulptur und die Kultur, die sie hervorbringt tausende von Jahren vor der Ansiedlung der Slawen (also auch der Kroaten) entstanden und vergangen ist und daher so richtig und total gar nichts mit dem „kroatischen" Vukovar zu tun hat, für das Kristina „kämpft", bemerken nur einige Satiriker und Archäologen.

Diese offensichtliche Ignoranz und die dummdreiste Verknüpfung eines urzeitlichen Fundes mit dem Kroatentum (was auch immer das sein mag) und der Kyrillischen Schrift, veranlasst Ante Tomić in seiner Kolumne "Vlaška Posla" in der Slobodna Dalmacija, festzustellen, Kristina habe wohl ćušpajz im Kopf.

Performance mit Verschwindetrick

Zwischendurch gibt Kristina noch eine Performance mit Kohlkopf und eine mit dem Annageln eines Gedichtes an die Tür eines öffentlichen Gebäudes, gibt Interviews mit wirren Thesen und erfreut sich der maximalen Zuwendung und Zuneigung aller, die gegen EU, gegen Schwuchteln, gegen gleichgeschlechtliche Ehe, gegen künstliche Befruchtung, gegen künstliche Abtreibung, gegen künstliche und natürliche Schwangerschaftsverhütung, gegen Kyrillische Schrift, gegen das Haager Tribunal und ganz allgemein gegen alles Gottlose, Kommunistische, Säkulare, Humanistische und Aufklärerische sind. Und dann verschwindet Kristina Ćurković spurlos.

Diese ungewollte Performance erzeugt eine Welle der nationalen Besorgnis. Sogar jene „Intelektuellen" aus Split, die seinerzeit argumentieren, die letzte Gay Pride Parade in ihrer Stadt bindet soviel Polizeikräfte, dass Antonija Bilić nicht gesucht werden kann und so ihrem Mörder in die Hände läuft, fordern nun den Einsatz aller Polizisten der Republik, um Kristina Ćurković zu suchen. Auf sämtlichen FB Seiten, Twitterungen und sonstigen Digitalabsonderungen ihrer Sympathisanten erscheinen Aufrufe, Zurufe und Theorien zum Thema, angeblich erhält Kristina vor ihrem Verschwinden sogar Morddrohungen in Kyrillischer Schrift.

Diese Performance dauert exakt zwei Tage. Dann meldet sich Kristina aus Dugo Selo, wo sie einen Überlebenden des Bleiburger Massakers besucht und erklärt, ihr Handy sei nass geworden. Danach geht es Zug um Zug. Ihre Mutter und Schwester distanzieren sich öffentlich auf Facebook von Kristina und ihren Performances und diagnostizieren bei ihr eine krankhafte Sucht nach Aufmerksamkeit. Auch die „Aktivisten" für ein kroatisches Vukovar ohne kyrillische Schrift scheinen Kristina nicht mehr ganz so heiß zu lieben. In einer Presseaussendung zur Sache teilen sie der Welt folgendes mit: „Wir werden uns nicht mehr auf Mädchen verlassen die sich in Uniform und mit einem Gewehr in der Hand fotografieren lassen weil das nicht in der Tradition unseres Volkes ist. Man soll wissen, wer Hosen trägt und wer den Küchenlöffel!"

Ich kann nur sagen: Kein Satiriker dieses Planeten sondern nur das echte Leben und echtes ćušpajz im Kopf kann so eine Satire hervorbringen! Bravo und danke! (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 3.2.2014)

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