"Befinden uns in keiner Null-Summen-Ära"

Interview3. Februar 2014, 05:30
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Chinesische Spitzenpolitikerin Fu Ying: China wird nicht Fehler Europas wiederholen und in großen Krieg schlittern

STANDARD: Dieser Tage wird oft der Vergleich zwischen 1914 und 2014 gezogen und gemutmaßt, dass die Welt in einen globalen Krieg stolpern könnte. Als mögliche Auslöser gelten die Territorialkonflikte in Ostasien. Ist eine solche Analogie zulässig?

Fu: Aus meiner Sicht kann man 2014 nicht mit 1914 vergleichen. Die Welt hat sich verändert. Dem Vergleich fehlt einfach die historische Perspektive. Der grundlegende Unterschied ist der, dass 1914 das Jahr des Imperialismus war. Die Kolonien von Großbritannien machten damals etwa ein Viertel der Welt aus. Der zweite Grund, weswegen ich diesen Vergleich nicht mag, ist der: Die Europäer und die entwickelte Welt sollten darauf achten, ihre eigene Geschichte nicht über alles andere zu legen. Das wäre doch ein wenig arrogant, oder? Wenn ihr einen Fehler gemacht habt, warum sollten andere Staaten denselben Fehler wiederholen?

STANDARD: Und wie beurteilen Sie die Situation 2014?

Fu: Die Menschheit hat ihre Lektionen gelernt. Nach dem Ende des Kalten Krieges haben viele erkannt, dass es keinen Sinn mehr macht, einen Weltkrieg zu führen. China hat sich unter Deng Xiaoping sehr früh auf Reformen und Entwicklung konzentriert. Mit der Globalisierung gibt es keinen Bedarf mehr, sich Kolonien zu halten, um an Ressourcen und Märkte zu kommen. Wir waren weit hinten – aber durch die Globalisierung sind wir auf die Überholspur des Wachstums gefahren. Die Industrialisierung heute ist nicht jene des 19. Jahrhunderts. Deswegen gibt es diesen inneren Zwang zum Konflikt und zur Eroberung nicht. Heute befinden wir uns nicht in einer Null-Summen-Ära.

STANDARD: Dennoch: Die Volksbefreiungsarmee rüstet rasant auf, im Ost- und im Südchinesischen Meer gibt es Quellen für Konflikte. Wie passt das zusammen mit der Absicht Chinas, keine Kriege zu führen?

Fu: Territorialkonflikte sind generell nicht selten, speziell die Entwicklungsländer, die kolonisiert waren, haben solche historisch hinterlassenen Probleme. China hat viele Nachbarn – zu Lande und zu Wasser. Auf dem Land haben wir fast alle territorialen Konflikte gelöst. Zur See ist es etwas schwieriger: Denken Sie an die Diaoyu- und an die Nansha-Inseln (in der Ost- und Südchinesischen See, Anm.). Wir können diese Territorien nicht aufgeben, haben aber auch die regionale Stabilität im Blick. Wir streben nach einer friedlichen Lösung und gemeinsamen Entwicklung. Deng Xiaoping sagte vor 40 Jahren, als wir diplomatische Beziehungen zu Japan aufnahmen, dass wir diese Probleme beiseite lassen sollten. Deng meinte damals, es werde vielleicht eine kommende Generation Lösungen finden, weil sie klüger sei.

STANDARD: Das ist scheinbar nicht gelungen ... 

Fu: 2012 sind zwei Dinge passiert: Die Philippinen haben im April im Südchinesischen Meer einen Zwischenfall mit Kriegsschiffen provoziert. Und im September hat Japan die Diaoyu-Inseln nationalisiert. China musste darauf reagieren. Wir reagierten aber nicht militärisch, sondern entsandten zivile Aufklärer zu dieser Inselgruppe. Zugleich wollten wir verhandeln. Aber die japanische Regierung hat das abgelehnt, weil sie von keinem Konflikt sprechen wollte. Das zweite Problem ist, dass sie diese Auseinandersetzung dazu gebrauchen, um eine chinesische Bedrohung zu erzeugen. Unsere bevorzugte Option sind jedenfalls Gespräche und Dialoge. 

STANDARD: Was könnte ein möglicher Ausweg sein – eine gemeinsame Nutzung von Natur- und Energieressourcen?

Fu: Das war unser Angebot vor 40 Jahren, und es steht immer noch. Japan akzeptiert das nicht. Das ist der Grund, warum die Konflikte schwer zu kontrollieren sind. Die Welt und Ostasien ändern sich. Es gab immer das Problem der Vergangenheitsbewältigung in Japan. Die gegenwärtige Führung ist deutlich arroganter als vorhergehende. Wenn jemand zum Yasukuni-Schrein geht, Kriegsverbrecher ehrt und erklärt, das passiere im Namen des Friedens, dann muss man sagen, dass der japanische Geschichtsunterricht versagt hat. Die japanischen Führer, die nach dem Krieg geboren wurden, haben kein Bewusstsein und kein Mitgefühl für die Opfer der Kriegsverbrechen. Das ist die Bürde, die Japan heute trägt.

STANDARD: Heißt das, dass es keine Chance auf Versöhnung gibt? Es gibt ja nicht nur Premier Abe, sondern auch andere in Japan, die auch andere Signale aussenden.

Fu: Ein Land von dieser Bedeutung muss seinen Platz in Asien und der Welt finden, indem es seine Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte erkennt. Es gibt viele Menschen in Japan, die die Geschichte kennen und dieses Verhalten zur Verneinung der Vergangenheit ablehnen.

STANDARD: Und die chinesische Seite? Das Militär scheint ja einen Konflikt mit Japan und den USA nicht zu scheuen.

Fu: Wir verbessern die Beziehungen zu den USA; die Militärs besprechen sogar gemeinsame Manöver. Die fundamentale Frage zwischen China und den USA ist: Folgen wir den alten Pfaden des Konflikts der Großmächte, oder finden wir neue Wege? China hat kein Interesse, in einen Supermacht-Wettbewerb zu treten. Wir wollen unseren friedlichen Weg gehen, unsere Entwicklung vorantreiben und das Leben der Menschen in China verbessern. In China leben noch 120 Millionen Menschen unter der Armutsgrenze, also von weniger als 230 Euro im Jahr. Die sind unsere Priorität. Deswegen können wir unseren eigenen Weg mit den USA finden.

STANDARD: Warum rüstet China dann dermaßen auf?

Fu: Die Volksarmee hat gemäß der Verfassung die Aufgabe, das Land zu verteidigen, sie ist defensiv. Wir haben kein Interesse an einem Wettrüsten. Ein Land von der Größe Chinas muss sich allerdings verteidigen können, wie prosperierend es auch immer ist. Sonst wird es so enden wie im 19. Jahrhundert. Deswegen brauchen wir eine starke Armee, die sich gegen niemanden außerhalb richtet.

  • Fu Ying ist Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im chinesischen Volkskongress. Zuvor war sie Botschafterin in London und dann Vize-Außenministerin in Peking.
    foto: ap/ng

    Fu Ying ist Vorsitzende des außenpolitischen Ausschusses im chinesischen Volkskongress. Zuvor war sie Botschafterin in London und dann Vize-Außenministerin in Peking.

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