Libanon: Überlebens-App für gefährliche Zeiten

3. Februar 2014, 00:01
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Eine Serie von Bombenattentaten erschüttert das Land am Mittelmeer. Aus Frustration und mit einer Prise schwarzem Humor entwickelte eine junge libanesische Studentin eine mobile Anwendung, um Bekannten zu versichern, dass man am Leben ist

Viel ist nicht mehr übrig von der Tankstelle im libanesischen Ort Hermel im Bekaa-Tal. Ein Selbstmordattentäter tötete hier am Samstag mindestens vier Menschen und verletzte 28 weitere. Es ist der jüngste Anschlag in einer ganzen Serie von Attentaten. Das Land wird immer tiefer in den Bürgerkrieg des benachbarten Syrien gezogen, allein im Jänner gab es drei Bombenanschläge auf Ziele im Libanon.

"Jedes Mal, wenn es im Libanon einen Anschlag gibt, laufen wir zu unseren Telefonen und versuchen unsere Freunde und Angehörigen zu erreichen, um ihnen zu versichern, dass es uns gut geht", sagt die Libanesin Sandra Hassan im Gespräch mit derStandard.at. Das Resultat: Telefonleitungen und ohnehin notorisch-überlastete Internetverbindungen sind oft unbrauchbar. Diesem Problem versucht die 26-Jährige Hassan mit einer neuen mobilen Anwendung zu begegnen. Mit einem Knopfdruck am Handy sendet die von ihr programmierte App auf Twitter den Satz "I am still alive" aus, um so Bekannte und die Öffentlichkeit nach einem Attentat zu informieren.

Die Libanesin, die zur Zeit in Paris studiert, hat mit der etwas makaberen App offenbar einen Nerv getroffen. Seit ihrer Vorstellung im Google Play Store vor knapp zwei Wochen, wurde die Anwendung bereits tausende Male heruntergeladen. Die Idee hatte Hassan, die einen Bachelor-Abschluss in Computerwissenschaften hat und zur Zeit Gesundheitswissenschaften studiert, schon länger. Aber erst nach einem Anschlag am 21. Jänner, entschloss sie sich die Anwendung auch zu programmieren. "Es war aus einem Gefühl der Frustration heraus", erzählt Hassan ohne zu verschweigen, dass ihr schwarzer Humor auch eine Rolle spielte.

Trauriger Erfolg

Das große Echo auf die App für Telefone mit Android-Betriebssystem war für sie überraschend. "Das Feedback war überwiegend positiv", selbst internationale Organisation hätten sich gemeldet und ihr Interesse bekundet. Aber auch kritisches Feedback hat es gegeben: "Vereinzelt wurde kritisiert, dass die App Bombenanschläge wie Routine aussehen lässt. Aber das Gegenteil ist der Fall: Wir müssen im Libanon jeden Tag mit diesen Bombenanschlägen leben - das wird nie zur Routine."

Abhalten lässt sie sich von Kritikern nicht. Im Gegenteil: Hassan plant, die bestehende App weiterzuentwickeln, um die trotzigen Überlebensbotschaften nicht nur auf Twitter zu verbreiten. Ihre Entwicklung sieht sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Der Erfolg der App ist eigentlich traurig. Dass eine solche Anwendung überhaupt gefragt ist, zeigt die Realität im heutigen Libanon." (Stefan Binder, derStandard.at, 2.2.2014)

  • Verwüstet: Eine Tankstelle im libanesischen Bekaa-Tal nach einem Anschlag am 1. Februar.
    foto: reuters/rami bleibel

    Verwüstet: Eine Tankstelle im libanesischen Bekaa-Tal nach einem Anschlag am 1. Februar.

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