Eine drohende Blamage und zwei offene Briefe

2. Februar 2014, 18:30
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Sotschi muss bis zur Eröffnung der Winterspiele am Freitag einen gewaltigen Endspurt hinlegen. Unfertige Hotelbauten, Schutt und Müll sorgen derzeit noch für erschreckende Bilder

Sotschi - Baustaub in den Betten, Chaos in den Hotels und überall Schlamm - Olympia-Gastgeber Sotschi muss kurz vor der Eröffnungsfeier der Winterspiele am Freitag mit aller Macht gegen eine gewaltige Blamage ankämpfen. Weil zahlreiche Unterkünfte vor allem in der Bergregion noch immer nicht fertiggestellt und davon ausgerechnet Journalisten aus aller Welt massiv betroffen sind, werkelt eine Heerschar von Arbeitern quasi rund um die Uhr - unter genauer Beobachtung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und seines Präsidenten Thomas Bach.

"Es sind noch ein paar Angelegenheiten zu erledigen", sagte der deutsche IOC-Boss am Sonntag betont locker, er gab aber zu, in der Sache aktiv geworden zu sein: "Wir stehen im Kontakt mit dem Organisationskomitee und sind optimistisch, dass die Probleme bald gelöst werden."

Zahlenspiele

Die Zahlen, die das OK zu den peinlichen Bauverzögerungen präsentierte, waren gleichermaßen verwirrend wie besorgniserregend. Am Freitag räumten die Organisatoren des 40-Milliarden-Euro-Spektakels in einer Sitzung der Medienkommission ein, dass nur drei von 20 Hotelkomplexen in der Bergregion fertiggestellt seien. In einer Pressekonferenz am Sonntag machte eine Sprecherin die Rechnung auf, sechs von insgesamt neun Anlagen seien nun bezugsfertig, die letzten drei würden "bald" folgen. Auf ein Datum - schon am Donnerstag laufen Vorkämpfe im Eiskunstlauf, bei den Ski-Freestylern und den Snowboardern - legte sie sich vorsichtshalber nicht fest.

Allein am Montag sollen mehr als 2000 der insgesamt etwa 13.000 Journalisten in Sotschi eintreffen. Viele von denen, die schon da sind, erlebten bei der Ankunft ihr blaues Wunder und gerieten zum Teil in absurde Situationen. Sie bekamen, wenn überhaupt, erst nach stundenlanger Warterei ein Zimmer in den Wohnkomplexen zugewiesen, da die von ihnen gebuchten Räumlichkeiten nicht zur Verfügung standen oder belegt waren. Als der Australier Kevan Gosper, der Vorsitzende der Medienkommission, von den Missständen erfuhr, platzte ihm in einer Sitzung mit Nachrichtenagenturen der Kragen. Angeblich haben die Organisatoren für die Arbeiten in letzter Minute Leiharbeiter aus der Türkei einfliegen lassen.

"Bereit"

Bach beschwichtigte am Sonntag. Grundsätzlich sei er zufrieden mit dem Stand der Vorbereitungen: "Sotschi ist bereit". Zumindest das Athletendorf am Schwarzen Meer war von den Bauproblemen nicht betroffen, auch im Dorf in der Bergregion sollen mittlerweile die letzten Arbeiten beendet worden sein. Über die Unterkünfte am Schwarzen Meer und den Olympic Park mit den Sportstätten für die Eissportarten gerieten etwa die deutschen Athleten sogar ins Schwärmen. Die Eisschnellläufer beispielsweise legen die wenigen Hundert Meter vom Dorf bis zu ihrer hochmodernen Halle spielend zu Fuß oder mit dem Mountainbike zurück.

Von derartigen Bedingungen können viele Berichterstatter in der Olympia-Stadt nur träumen, auch in der Talregion: offene Kabelstränge, die in Zimmern aus der Wand ragen, Baustaub auf hastig installiertem Interieur und in den Betten, fehlende Einrichtungsgegenstände oder verdreckte, schlecht verlegte Teppichböden. In den Straßen türmen sich Schutt und Müll, zu allem Überfluss versinkt die Stadt nach Dauerregen im Schlamm.

Nobelpreisträger klagen an

Indes wächst ob des heftig diskutierten Anti-Homosexuellen-Gesetzes der internationale Druck auf Russlands Regierung. Per offenem Brief hatten vierzig Menschenrechtsorganisationen die Olympiasponsoren aufgerufen, sich für eine Verbesserung der Situation einzusetzen. In einem weiteren offenen Brief an Russlands Präsidenten Wladimir Putin verurteilten 27 Nobelpreisträger das diskriminierende Gesetz, das Schwulen und Lesben, die sich in Anwesenheit Minderjähriger positiv über Homosexualität äußern, Haftstrafen einbringen kann. Zu den Unterzeichnern gehören die deutsche Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller sowie der bekennend homosexuelle Schauspieler Ian McKellen (Der Herr der Ringe), der den Brief mitverfasst hat. (sid, fri, DER STANDARD, 03.02.2014)

  • Ob das Austria Tirol House in der olympischen Bergregion bald Journalisten als Notquartier dient? Spaßerl. Hoffentlich.
    foto: öoc

    Ob das Austria Tirol House in der olympischen Bergregion bald Journalisten als Notquartier dient? Spaßerl. Hoffentlich.

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