"Die Beine der Wirtschaft sind noch wackelig"

Interview2. Februar 2014, 17:09
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Ganz ist der Osten der Krise noch nicht entkommen, sagt Angelika Sommer-Hemetsberger, neu im Vorstand der Kontrollbank

STANDARD: Sie arbeiten seit mehr als 15 Jahren in der Kontrollbank, OeKB, seit Jänner sind Sie im Vorstand. War das Ihr Ziel?

Sommer-Hemetsberger: Nein, das kam für mich überraschend. Ich habe die Position nicht angestrebt.

STANDARD: Warum nicht?

Sommer-Hemetsberger: Warum nicht? Mir war es nie wichtig, eine bestimmte Position zu haben, mir ist wichtig, dass mir das, was ich mache, Spaß macht. Aber es hat sich schön ergeben, denn ich kenne alle Bereiche der Bank und alle Leute – das ist das Gute an einer internen Besetzung.

STANDARD: Die OeKB hat jüngst eine Umfrage gemacht, laut der die Mehrheit der Befragten meint, dass sich die Stimmung in Osteuropa aufgehellt hat. Sehen Sie das auch so positiv?

Sommer-Hemetsberger: Man muss die Entwicklung in Osteuropa nach wie vor beobachten – es schaut aber gut aus. Derzeit muss man natürlich die Ukraine genau anschauen.

STANDARD: Wie sehen Sie Ungarn?

Sommer-Hemetsberger: Politisch sehr spannend. Ungarn ist ja schon viele Jahre Beobachtungskandidat, aber wir sehen da keine Steigerung der Schadensfälle.

STANDARD: Ist die Krise vorbei?

Sommer-Hemetsberger: Nein, die Krise ist noch nicht vorbei. Die Wirtschaft erholt sich zwar langsam, aber ihre Beine sind noch wackelig.

STANDARD: Vor allem Österreichs Banken haben auf den Osten gesetzt. Haben sie mit ihrer Expansion übertrieben?

Sommer-Hemetsberger: Nein, unter damaligen Umständen war das die für die Banken gerechtfertigte Strategie. Nur, danach hat sich ab der Lehman-Pleite halt viel getan.

STANDARD: War Osteuropa nicht schon ein Klumpenrisiko?

Sommer-Hemetsberger: Ich kenne die Strategien der Banken nicht im Detail, daher will ich mir da keine Aussage anmaßen.

STANDARD: 2012 sind die Export­finanzierungen gesunken, die Kredite um 3,5 Mrd. Euro. Gab es 2013 einen weiteren Rückgang?

Sommer-Hemetsberger: Ja. Auch das Ergebnis der OeKB ist gesunken – aber weniger als erwartet. Bilanzdetails kann ich aber noch nicht sagen. Für heuer erwarten wir auch nicht das große Wachstum, aber wir sind optimistisch, dass Neugeschäft hereinkommt. Auf der Haftungsseite sehen wir, dass China die bisherige Nummer eins, Russland, überholt hat. Auch Indien hat bei den Haftungen zugelegt; es geht also tendenziell noch weiter in den Osten.

STANDARD: Ihr Vorgänger Attems hat empfohlen, die Sparer sollten mehr in Klein- und Mittelbetriebe, KMUs, investieren. Ist das angesichts der Spargewohnheiten der Österreicher nicht unrealistisch und, siehe Alpine-Anleihen, riskant?

Sommer-Hemetsberger: Man sollte natürlich auch beim Sparen diversifizieren, aber solche Investments können wegen des Risikos nicht das Sparbuch ersetzen. Für KMUs wird es immer schwieriger, sich Geld zu holen; man sollte aber verstärkt Augenmerk auf sie legen, weil die österreichische Wirtschaft stark von ihnen lebt.

STANDARD: Wäre Crowdfunding eine Alternative? Durch Schuherzeuger Heini Staudinger ist das Thema in Österreich sehr präsent.

Sommer-Hemetsberger: Es ist eine interessante Refinanzierungsform – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen. Die Risiken und Ertragschancen müssen dem Anleger transparent gemacht werden. Es muss draufstehen, was drin ist, man darf keine falsche Sicherheit vorspiegeln. Wir prüfen gerade, ob die OeKB etwas aus ihrer Produktpalette zur Verfügung stellen könnte.

STANDARD: Der Chef des Staatsschuldenausschusses, Bernhard Felderer, hat anlässlich der Pleite des Baukonzerns Alpine, für den der Staat Kredithaftungen trägt, strengere Prüfmaßstäbe der OeKB moniert. Zu Recht?

Sommer-Hemetsberger: Wir prüfen nach bestem Wissen und Gewissen, mit allen verfügbaren Unterlagen. Dann machen wir dem Entscheidungsgremium, in dem wir kein Stimmrecht haben, einen Vorschlag. In letzter Instanz entscheidet das Finanzministerium.

STANDARD: Im Fall Alpine hat die OeKB namens der Republik die Voraussetzungen der Staatshaftung für die Kredite geprüft. Der Staat zahlt nun aber nicht. Die Banken haben den Staat geklagt, der Staat die Banken – mit der Begründung, die hätten die Kreditvergabe zu wenig geprüft. Die Institute berufen sich aber auf die Prüfungen der OeKB. Fehler gemacht?

Sommer-Hemetsberger: Wir haben geprüft, mit allen uns zur Verfügung stehenden Unterlagen. Die Klagen kennen wir nur via Presse.

STANDARD: Haben Sie denn alle Unterlagen bekommen?

Sommer-Hemetsberger: Davon würde ich ausgehen.

STANDARD: Die OeKB gehört den Großbanken und steht da jetzt mitten im Sperrfeuer. Eine recht unbequeme Situation?

Sommer-Hemetsberger: Die OeKB spielt immer eine neutrale Rolle, und wir prüfen neutral und wie sich's gehört, also State of the Art. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

STANDARD: Eine lästige Frage, die Sie wahrscheinlich sehr oft gestellt bekommen: Sind Sie mit Investmentbanker Willi Hemetsberger verwandt oder verschwägert?

Sommer-Hemetsberger:Das fragen mich wirklich viele. Nein, das ist ein Namenszufall. (Renate Graber, DER STANDARD, 3.2.2014)

Angelika Sommer-Hemetsberger (47) arbeitete in der Creditanstalt, bevor sie vor 15 Jahren in die Kontrollbank kam. Dort leitete die Betriebswirtin aus Leoben ab 2007 das Rechnungswesen. Im Jänner folgte sie Johannes Attems in den Vorstand nach.

  • Die OeKB kontrolliert "nach bestem Wissen und Gewissen" , sagt Angelika Sommer-Hemetsberger. Sie ist im Jänner in den Vorstand des Exportfinanzierers, der den Großbanken gehört, eingezogen.
    foto: standard/andy urban

    Die OeKB kontrolliert "nach bestem Wissen und Gewissen" , sagt Angelika Sommer-Hemetsberger. Sie ist im Jänner in den Vorstand des Exportfinanzierers, der den Großbanken gehört, eingezogen.

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