Satya Nadella und die neue Bescheidenheit von Microsoft

2. Februar 2014, 10:05
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Möglicher neuer Microsoft-Chef vor allem als guter Teamplayer bekannt

Einmal, so berichtete Satya Nadella, habe er Steve Ballmer in einem Evaluierungsgespräch gefragt, wie er sich im Vergleich mit den "Großen" aus der Geschichte von Microsoft sehe. Ballmer habe diese Frage als "Unsinn" abgetan, weil sie nicht auf die Zukunft des Konzerns abziele.

Dieser Moment, sagte Nadella, habe ihm eine neue Perspektive eröffnet. "Was mich jeden Morgen antreibt und was mich jede Nacht wach hält, ist eine Sache: In diesem Geschäft geht es nicht um eine lange Lebensdauer, sondern um Relevanz", erklärte Nadella im Oktober in einem Interview. Das könnte zum Motto des 46-Jährigen werden, der in Indien geboren ist und nun Microsoft vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit bewahren soll.

Nadella befindet sich derzeit mit dem Verwaltungsrat in Vertragsverhandlungen über den Posten als Nachfolger des scheidenden CEOs Steve Ballmer, wie ein Insider berichtet. Anfang nächster Woche soll sich das Gremium treffen und der Personalie zustimmen. Zur Diskussion steht dann auch die Ablösung von Firmengründer Bill Gates als Chef des Board. Nadella hat in den Verhandlungen darum gebeten, dass Gates ihm als Berater an die Seite gestellt wird.

Harte Entscheidungen stehen bevor

Nadella galt bisher nicht als Mann für die große Bühne. Bei Microsoft war er vorwiegend im Maschinenraum im Einsatz, etwa bei der Software-Entwicklung für Serversysteme und Cloud-Dienste. Unter ihm verbesserten sich die Zahlen einiger der wichtigsten Geschäftsfelder des Unternehmens. Bekannt ist er auch für seine hohe Bereitschaft, Vorgesetzte zufriedenzustellen.

Kollegen, die mit ihm gearbeitet haben, loben aber vor allem seinen umgänglichen Stil und die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Damit hebe er sich angenehm von den großen Egos und hitzigen Debatten ab, die bei Microsoft vorherrschten. Seine Persönlichkeit und sein technisches Wissen könnten dazu beitragen, die Ingenieure und Programmierer zu halten, die bei einem Führungswechsel sonst oft abspringen. "Es ist schwer, überhaupt jemanden zu finden, der nicht etwas Nettes von ihm berichten kann. Das ist selten in der Führungsriege eines Unternehmens", sagt Ravi Venkatesan, früher zuständig für das Indien-Geschäft von Microsoft. "Man muss sehr ehrgeizig sein, um dorthin zu gelangen: Er ist aber unheimlich bescheiden."

Eine der wichtigsten Frage wird sein, ob Nadella seiner neuen Aufgabe gewachsen ist. Sie wird von ihm harte organisatorische Entscheidungen fordern, die nicht jedem bei Microsoft gefallen werden. Unter anderem muss der neue Chef die knapp 32.000 Mitarbeiter der Handy-Sparte von Nokia integrieren, die Akzeptanz des neuen Windows-Betriebssystem verbessern und technisch gegenüber Rivalen wie Google und Apple aufholen.

"Dass er ein guter Teamspieler ist, macht ihn beliebt. Aber gleichzeitig könnte das seine größte Herausforderung werden", sagt Alex Gounares, der 17 Jahre lang bei Microsoft arbeitete und nun das Start-up Concurix leitet. "War Steve Jobs wirklich ein großartiger Teamspieler? Nein."

Sein Ziel war immer Microsoft

In Interviews und Reden hat Nadella immer wieder Ballmer und Gates dafür gelobt, wie sie ihn in Fragen der Technik und der Unternehmensführung angeleitet haben, seit er 1992 von Sun Microsystems zu Microsoft wechselte.

Nadellas Weg in die Spitze der Technologiebranche begann in der Stadt Hyderabad im Süden Indiens. Dort ging er zur Schule und zeichnete sich auf dem Cricketplatz aus. Am Manipal Institute of Technology studierte er Elektro- und Kommunikationstechnik. "Ich habe ihn damals gefragt, wo er einmal hin will", erinnert sich sein Kommilitone Ganesh Prasad. Nadella habe geantwortet, er wolle im Marketing bei einer Softwarefirma arbeiten – und zwar bei Microsoft. "Sein Ziel war damals ganz klar."

Nach seinem Umzug in die USA machte er an der Universität von Wisconsin einen Masterabschluss in Informatik und in Chicago einen weiteren Master in Betriebswirtschaft. Bei Microsoft wechselte er häufig den Posten. So lernte er das Betriebssystem Windows und die Office-Programme kennen. Später leitete er die Suchmaschine Bing, die Server-Datenbank SQL und den Cloud-Dienst Azure. Dessen Technologie stützt die Onlinedienste von Microsoft, wird aber auch von anderen Unternehmen verwendet.

Nadella, Vater von zwei Töchtern, sagte 2012 in einem Interview, seine Kinder hätten seine Arbeit genau verstanden, als er noch für Bing zuständig war. Seit er die Verantwortung für Cloud-Dienste oder Tools für Entwickler trage, sei das schwieriger geworden. "Jetzt sage ich ihnen: ‚Ich arbeite an Windows, aber nicht das Windows, das ihr seht. ' Das verstehen sie nicht wirklich."

Wenn er einen Vortrag hält, ist es in der Tat nicht einfach, mitzukommen. Sie sind vollgepackt mit Ausdrücken wie "Plattform", "Infrastruktur" oder "Internet-Skala". Mit Fachleuten könne er aber gut kommunizieren, sagen ehemalige Kollegen. "Wenn man mit ihm redet, dann fühlt man sich hinterher großartig", berichtet Alex Gounares.

Das Silicon Valley umwerben

Nadella ist beileibe kein modischer Trendsetter. Trotzdem fällt er auf dem Microsoft-Campus auf, wo Khakihosen, Jeans und T-Shirts den Ton angeben. Er trägt dagegen meist Sakko, Kurzhaarschnitt und eine Designerbrille, je nach Tagesform entweder aus Schildpatt oder Metall.

In den vergangenen Jahren hat Nadella Microsoft dazu gedrängt, intensiver um Start-ups im Silicon Valley zu werben. Er reist regelmäßig in die Region San Francisco, um Wagniskapitalgeber und Technologie-Manager zu treffen. Vorträge hat er schon vor indischstämmigen Unternehmern gehalten.

Um den Nachtschwärmern aus dem Silicon Valley entgegenzukommen, verlegte er 2012 eine Präsentation in San Francisco von 9.00 Uhr morgens auf 13.00 Uhr nachmittags. Als das israelische Start-up Soluto im vergangenen Jahr einen verärgerten Blogpost veröffentlichte, weil das Unternehmen wegen einer Panne bei Azure offline war, verfasste Nadella eine persönliche Entschuldigung.

Mindestens einmal ist er mit seinem Eifer aber auf die Nase gefallen. Im August, so berichtet er, habe er zunächst abgelehnt, als Steve Ballmer sein Führungsteam per E-Mail in sein Büro bat. "Ich wollte meinem Chef zeigen, dass ich wichtigere Dinge zu tun habe, es ging um eine Übernahme", sagte Nadella im Oktober. Ballmers Büro bat ihn, seine Absage zu überdenken. Als die Manager dann im Büro versammelt waren, schockierte Ballmer sie mit der Nachricht, dass er abtreten wolle.

Einige seiner früheren Kollegen fragen sich, ob überhaupt ein Insider die harten Schnitte vornehmen kann, die bei Microsoft nötig sind. Andererseits bringt etwa Ravi Venkatesan vor, dass ein Außenseiter an der Unternehmenskultur von Microsoft scheitern könnte. Er glaubt, dass Nadella die Organisation versteht und bereit ist, Wagnisse einzugehen. "Das muss ein Unternehmen tun, eine Idee nehmen, sie prüfen und darin investieren. Man darf nicht einfach sagen ‚Oh, das klappt nie. '"

Nach Ansicht von Nadella lässt sich Erfolg jedenfalls einfach überprüfen. "Relevanz kommt mit Innovation und Erfolg am Markt", sagte er im Oktober. "Der Markt wird so laut und deutlich sprechen, dass kein Zweifel bleibt."(Don Clark, Monica Langley und Shira Ovide, WSJ.de/derStandard.at, 02.02.14)

  • Satya Nadella ist im Gespräch neuer Microsoft CEO zu werden.
    foto: microsoft

    Satya Nadella ist im Gespräch neuer Microsoft CEO zu werden.

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